Ein Leben gegen die Tyrannei

Obacht, hier geht es um Band 2, damit wäre diese Märchen-Dilogie von Boris Koch komplett. Die Besprechung zu Band 1 findest du hier. 

Die Jagd auf die versunkene Stadt Ycena und die schlafende Kaisertochter ist in vollem Gange – zumindest, wenn es um Ukalion geht, den Bastard des tyrannischen Königs. Er gräbt sich unter den Wurzeln durch, denn die magische Hecke rund um den im Zauberschlaf gefallenen Palast tötete bisher jeden, der sich durchhacken oder darüber hinweg klettern wollte. So kommt er seinem Ziel, die schlafende Kaisertochter zu küssen und selbst neuer Kaiser zu werden, Schaufel für Schaufel näher.

Doch auch das Schicksal kommt, wie es kommen muss: Als er die Hecke zusammen mit Freunden entschieden schwächen kann, erfährt das ganze Königreich davon: Prompt taucht sein Halbbruder und legitimer Thronerbe auf – und mit ihm dessen Schergen, die nicht nur Ukalion jederzeit jagen könnten, sondern auch dem Prinzlein massiv dabei helfen, wirklich der erste im Kaiserpalast zu werden …

Der Leseeindruck

Die obige Inhaltsangabe könnte man beliebig erweitern um die weiteren Schicksale, die der Autor mit dem von Ukalion verwebt – und sei es nur am Rande. Damit vermeidet er, dass man die Zeitlinie gefühlt 5 Mal aus anderen Perspektiven erlebt, weil jede Perspektive unterschiedlich lang gewichtet wird. Manchmal wird also nur genau das erzählt, was man braucht. Diese Charakterkombination ist also technisch richtig gut gelungen, macht aber auch emotional viel Spaß. Hier ist niemand ein klassischer Held aus einem Epos, vielmehr sind sie alle fast normale Menschen, die aber so verzweifelt sind, dass sie das fast Unmögliche glauben. Zusammen ergibt sich ein bunter Flickenteppich aus persönlichen Schicksalen, mit denen der Autor die Leser:innen geschickt zu greifen und an sich zu binden weiß.

Es bleibt auch nicht alles, wie er es mal etabliert hat: Gerade, wenn man sich der Rolle einer der Personen im Konstrukt nicht mehr ganz gewahr ist, wird man eines Besseren belehrt und es kommt entweder ein Plotttwist oder die rolle wird plötzlich offenbart. Gut tut hierbei, dass nicht nur selten Helden dabei sind, sondern jeder auch eine sehr gesunde Verbindung zu seinem fiesen Zwerg in sich hat und Realitätsnah denkt: Solange König Tiban herrscht, wird es einfach kein happy End geben. Also wird wohl irgendwer etwas unternehmen müssen, das frei von kindischem Drama, herzergreifenden Revoluzzer-Vorträgen und ähnlichem ist. Hier geht’s zur Sache und das tut der Geschichte richtig gut.

Das Ende ist wirklich überraschend und eine wunderbare Message. Wunderbar nicht, weil es um das Gute im Menschen geht, sondern ganz wie bereits erwähnt, pragmatisch gedacht wird: Was man für die Realität hält, muss nicht der Wahrheit entsprechen und kann trotzdem ganz hervorragend funktionieren. Die Magie hat in diesem Band kein Teenager-Fantasy-Feeling, das habe ich sehr genossen. Es muss nicht immer alles nach Klischees geschehen, trotzdem wird das Ende den enthaltenen Märchen und der quasi-Prophezeiung vollends gerecht. Der absolut vergnügliche Plotttwist trägt dazu auch noch bei – hier ist wirklich alles rund.

Eine absolute, von Herzen kommende Lese- und Geschenkempfehlung, nicht nur für Weihnachten!

Narrenkrone. Boris Koch.
Droemer-Knaur. 14,99 Euro.

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