
Ein nicht ganz so charmanter Patient
Das erste Mal, als „Joe“ in die Psychiatrie eingewiesen wurde, war der Junge noch ein Kind. Nach einem Gespräch mit seinem behandelnden Arzt wurde er kurz darauf wieder entlassen. Doch lange war der Junge nicht in seinem Elternhaus, denn schon kurz darauf wurde er wieder zurück in die Klinik geschickt. Dort wechselten die Zimmergenossen nahezu täglich, alle nahezu auf die gleich Weise: tot oder schwerst traumatisiert. Der Grund für diese Vorfälle ist nicht bekannt. Auch die Therapeuten, die das Geheimnis des Jungen lüften wollen, brechen entweder zusammen und die laufende Therapie ab, oder beenden ihr Leben. Daraufhin wurde der Heranwachsende auch nicht mehr zu seinen Eltern gelassen und zum nicht therapierbaren Langzeitpatienten „Joe“.
Schwacher Charakter der Hauptfigur
Den Charakter von Parker kann man mit genau zwei Worten beschreiben: neugierig und naiv. In seltenen Fällen kann diese Kombination ganz spannend sein, aber in diesem Fall ist das keineswegs. Die Spurensuche, wer der Patient ist und warum er so abgeschottet wird, ist spannend und die Neugierde von Parker sowie des Lesers wird rund um befriedigt. Aber der Fakt, dass der junge Psychologe nach vielen Warnungen – von zwei Ex-Therapeuten des Angstsammlers und dem Klinikpersonal! – darauf beharrt, dass er den Mann therapieren will, ist einfach nur zum Kopfschütteln. Darüber hinaus lässt sich der junge Mann schnell hinters Licht führen, denn obwohl er den ganzen Background von „Joe“ kennt, sympathisiert er mit dem Angstsammler. Möglicherweise kann man das auf seine mangelnde Erfahrung in seinem Job zurückführen, aber als Leser möchte man im letzten Drittel dem Protagonisten „Pass auf! Mach das nicht!“ zuschreien.
Fazit
Die Spannung wird von Kapitel zu Kapitel dauerhaft gesteigert. Nach jeder Seite möchte man mehr wissen. Der Lösung des Geheimnis näher kommen. Und kaum ist es gelüftet, folgt ein bittersüßer Nachgeschmack. Das erwartete Ende ist leider ganz anders. An dieser Stelle darf man wirklich nicht mit Logik rechnen, wie man es sich vielleicht erhofft hat. Wer sich jedoch auf jedes Ende einlassen kann – auch wenn es sehr an eines von Stephen King oder Robert McCammon erinnert – wird mit dem Roman wahrscheinlich glücklich werden. Für mich war es leider zu viel Fantasie und zu wenig erwartete Fakten.
Lisa Albrecht (academicworld.net)
Jasper De Witt. Der Angstsammler
Heyne. 10,00 Euro.