Zu den Anfängen eines Poeten

Bereits erschienene Klassiker zu rezensieren, ist ein unmögliches Unterfangen. Zu viel schon wurde zu Poe gesagt, zu viel kennt man selbst und vorgegebene Meinungen einfach zu (re)zitieren ist auch wenig zielführend. Daher sei diese Besprechung eher eine Wahrnehmung aus aktueller Sicht und eine kleine Gedankensammlung.

In diesem Band liegen 12 kurze Erzählungen vor, die in Manesse-typischer Art in handlichem Format kommen, dennoch fest gebunden sind, besonders angenehmes und qualitativ hochwertiges Papier enthalten – zu den Inhalten selbst gleich mehr. Da kann man das Buch auch mehrfach in der Tasche oder dem Rucksack herumtragen und nimmt einfach keinen Schaden.

Den Folio Club als rahmengebende Institution der zwölf Eva… Kurzgeschichten dachte er sich zu Beginn seiner Karriere aus und man kommt nicht umhin, zu denken, er wäre gerne Teil es solchen Clubs gewesen. Diese Texte unterscheiden sich maßgeblich von seinen Horror-Meisterwerken der späteren Zeit, denn sie sind deutlich stärker gen Parodie gehend und erlauben irgendwie schon einen Einblick in seine Seele und den zugehörigen Kopf. Sie sollen untermauern, dass er ein echter Autor sein kann, dass er etwas zu sagen hat, dass er vielseitig ist. Und niemanden Ernst nimmt.

Man meint bei so mancher seiner kurzen Erzählungen zu merken, dass er sich selbst als Mensch beweisen wollte. Sei es das extra Quäntchen Drama, das extra Quäntchen Bildung, das extra Quäntchen Sprachkenntnis, die man als Leser:in mitbringen muss, um den Inhalten zu folgen. Zum Glück gibt es für das Wichtigste die Anmerkungen, fein säuberlich nach Erzählung sortiert sind. Manchmal lohnt es sich, diese vorab zu überfliegen, damit der Lesegenuss nicht zu zerstückelt wirkt und man sich die eine oder andere Blätterei ersparen kann. Vielleicht ist das ein Merkmal seiner Erziehung, weil er den Ansprüchen des Tabakhändlers wohl nie wirklich genügt hat – vielleicht ist dies auch bloße Interpretation und persönliche Wahrnehmung. Das Nachwort ist ebenfalls gemäß der Erzählungen gegliedert und mindestens ebenso wichtig wie diese! Es ist völlig in Ordnung, nicht alles auf Anhieb verstanden zu haben. Umso mehr Spaß macht es, die restlichen Lücken mit einem eingängigen, verständlichen Nachwort zu schließen, das völlig unprätentiös wirkt. Im Anschluss könnte man die jeweilige Short Story direkt noch einmal lesen und Neues entdecken 😀

Wer dieses Buch liest, lernt Poe in wahrer Form kennen.

Dennoch: Man kann sich für die Zukunft vielleicht noch etwas kritischere Nachworte wünschen. Beispiel sei die Hochzeit mit seiner Cousine, die damals nur 13 Jahre alt war. Es kann dahinter viel stecken, aber es kann und sollte nicht unter „damals war das eben so“ laufen.

Edgar Allan Poe. Die Erzählungen des Folio Club.
25 Euro. Manesse.

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