Ein Märchen in neuem Gewand

Ein untergegangenes Kaisserreich (Ycena) voller Schätze. Eine seit tausend Jahren schlafende Prinzessin, die auf ihre Wiedererweckung wartet und vielleicht gar nicht so märchen-prinzessinnenhaft ist. Ein Mann, der sein erstgeborenes Kind in einem Handel mit einem vermeintlichen Gaukler verliert. Ein Bastard des Königs und Müllergehilfe, der sich der Obrigkeit widersetzen und den König zum Teufel schicken möchte. Die Mutter des Kindes, das der Vater einfach gegen sein Leben tauscht, die unbedingt ihren Sohn wiederfinden möchte. Ein Geschwisterpaar, dessen Vater sie in die Leibeigenschaft verkauft und das lieber gemeinsam in den Wilden Wald flieht. Sie alle gehören in das gleiche Märchen – quasi Dornröschen und auch Hansel & Gretel, doch in einer pompösen, grausameren und epischer aufgemotzten Fassung.

Anders erzählt: Ukalion ist der Bastard des Königs, doch lebt als Müllerssohn/-gehilfe in einem kleinen Dorf – bis sein Halbbruder, ehelicher Königssohn, Ukalions große Liebe wegen Wilderei an den Galgen bringt. Dieses Geschehen bringt ihn so sehr gegen den König auf, dass er seine Rache und Heilung in einer alten Geschichte sucht: Das Kaiserreich rund um die Hauptstadt Ycena ist nicht einfach untergegangen, sondern durch die Magie von 13 Hexen in einen verzauberten Schlaf gefallen. Die Prinzessin selbst soll noch im Palast schlafen, auf ihr Befreiung warten und denjenigen, der oder die sie küsst, zum Kaiser machen – und Kaiser trumpft König bei weitem … Doch es gibt andere Schicksale in dem Königreich, die aus ganz persönlichen Gründen den Weg gen Ycena samt aller Gefahren in Kauf nehmen.

Der Leseeindruck

Wer Märchen neu erzählt, folgt im Wesentlichen vorgegebener Handlung. Das finden einige Leser/innen vielleicht nicht ganz so kreativ, aber es kann auch echt herausfordernd sein – je nachdem, wie treu man der alten Geschichte bleiben möchte, schränken Vorgaben die eigene Denkweise als Autor auch mal ein. Boris Koch entkleidet die alten Märchen bis auf die Haut und gewandet sie in komplett eigener Tonalität und völlig andersartigen Charakteren neu ein. Dazu werden neue Personen erfunden und mehrere Märchen miteinander gemischt. Garniert wird das alles mit einer Prise Realität und damit automatisch Gewalt und Verrat aber auch Loyalität und Freundschaft. Es hat also schon seinen Grund, warum er im Nachwort schreibt, das Buch erst in ein paar Jahren seiner Tochter übergeben zu wollen.

Insgesamt ist es also schon mehr in kleiner Fantastik-Thriller, keine reine Märchenneuerzählung und irgendwie auch kein Roman. Bis die Handlung um die Wiedererweckung der Prinzessin so richtig an Lauf aufnehmen kann, müssen sämtliche Charaktere erst einmal eingeführt und von ihrem bisherigen Lebensweg abgebracht werden. Das dauert dann doch etwas zu lange, sodass es mit der Spannung in der ersten Hälfte eher schlecht aussieht. Erst, als die ersten Charaktere aufeinander treffen und  ein gemeinsamer Handlungsstrang entsteht, kommt deutlich mehr Bewegung in die Geschichte. Da verwundert es wenig, dass es einen zweiten Band geben wird, der wohl in der ersten Jahreshälfte 2021 erscheinen wird. Diesen Seitenplatz braucht es einfach, um diese wohl etwas ausschweifendere Märchenfassung fertig zu erzählen.

Mit Emotionen hält sich Boris Koch zurück. Gefühlt (pun intended) liegt der Fokus auf der rationalen Seite des Lebens. Warum macht das Sinn (again, pun intended)? Das Leben in Märchen ist quasi mittelalterlich – wer schwach ist, stirbt. Mit jedem neuen Morgen ist das eigene Leben in Gefahr, denn manchmal reicht auch ein einziger Moment der Schwäche. Für großartig romantisches Prinzessinnen- und Heldengetue gab es entsprechend wenig Zeit und die klügste Handlungsweise wäre es mit Sicherheit selten. Ohne Emotionen finden sich aber manchmal Leser schlechter in die Geschichte hinein, was andererseits auch verständlich ist und im Endeffekt von den einzelnen Lesern abhängt.

Die verbreitete Kritik der Oberflächlichkeit lässt sich nicht verstehen. Abgesehen von der emotionalen Reduziertheit gibt es viele Gedankengänge zum Leben an sich, aus denen auch das reale Leben Nutzen ziehen kann, bzw. die Leserschaft. Man muss sich darauf einlassen können, auch das ist eine Kunst, die immer mehr Lesern abhanden kommt. Es geht doch nicht darum, maximal viele Bücher zu lesen und sich selbst dafür zu feiern. Jemand hat eine Geschichte erzählt und die führt man sich zu Gemüte. Wer nur schnelle Unterhaltung zur Ablenkung haben will, soll Netflix durchsuchten.

Boris Koch. Dornenthron.
Knaur. 14,99 Euro.

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