Der Kastenmann von Wien

Dies ist August Emmerichs fünfter Fall, der vorherige Band wurde hier besprochen. 

1922, Wien.

War der letzte Band noch von Wiener Charme beeinflusst, so geht dieser nun immer stärker flöten. Die Zeiten werden immer härter, die Sitten rauer – so rau, dass selbst der zartbesaitete Assistent Winter nicht mal mit den Wimpern zuckt, als ein Mann in einem Tresor inmitten eines leer stehenden Hafengebäudes gefunden wird.

Der Anblick ist gruselig, denn der Tresor war ein luftdichtes Behältnis – und das Opfer erst unbekannt, doch entpuppt es sich als Kellner in einem von gut Betuchten besuchtem Café. August Emmerich und sein Assistent stehen vor mehr als einem Rätsel – und mit jedem Schritt der Lösung folgen sie einer Spur, die in immer höhere soziale Schichten und immer tiefer in menschliche Abgründe führt …

Das ruppige Herz aus Gold war mal

August Emmerich kommt psychisch auf dem Zahnfleisch daher. Die Kinder zuhause haben PTSD, er selbst genauso, die ganze verdammte Stadt ist am durchdrehen. Statt Roaring Twenties sieht er den Zerfall des Kaiserreichs, wobei er diesem nicht hinterhertrauert. Er sieht zu, wie Menschen auf der Straße verhungern und ermittelt zeitgleich auf Partys, auf denen der Kaviar mit Esslöffeln serviert wird. Da rastet er komplett aus und man ist ganz bei ihm. Jedoch benimmt er sich einfach überall daneben, ignoriert die „Hühnerarmee“, ist unfreundlich zu jedem Mensch – und irgendwann nervt das durchaus. Als Leser:in kommt man an einen Punkt, an dem man ihn fast abhaken möchte und Probleme mit dem Buch bekommt, weil man ihn als Hauptperson einfach so unfassbar wenig leiden kann – und genau dann hakt die Autorin ein und gibt dem ganzen nicht nur einen gefüllten Hintergrund, sondern auch noch einen sinnvollen Spin.

Bunte Mischung sorgt für Spannung

Wie immer ist die Geschichte eine schöne Mischung aus Spannung, Grusel, historischer Betrachtung und Information. Es ist eine wichtige Facette der Roaring Twenties, die hier beleuchtet wird und in der die drohende Gefahr immer weiter voranschreitet. Denn die Menschen rotten sich zusammen und immer, wenn es vielen schlecht geht, öffnen sie sich extremen Ideologien … Bei diesem Fall kommt also noch eine neue Komponente dazu: Das Psycho in Psychothriller. Gut, das Buch ist definitiv ein Kriminalroman, aber statt politischer Ambitionen geht es um PTSD, Kindheitstraumata und mehr.

Das erlaubt nicht nur Abwechslung innerhalb der Reihe, sondern auch den Figuren, sich weiterzuentwickeln. Persönlich wird es für August Emmerich am Ende und sorgt für einen kleinen Cliffhanger, der anscheinend Band 6 thematisch einläuten soll. Noch dazu wird am laufenden Band ermittelt und damit ergibt sich mitreißende Action, aus der man sich fast nicht losreißen kann, bis das Ende kommt und man inständig hofft, dass die beiden das irgendwie gewuppt bekommen …

Alex Beer. Der letzte Tod.
Limes Verlag. 20 Euro.

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