Wenn Geschichten gefährlich werden

Bis Ende der 80er Jahre ist Rumänien einer kommunistischen Herrschaft unterworfen, die vorrangig mit Blut, Verrat und Brutalität regiert. Nicolae Ceaușescu ist Autokrat von ’65 bis ’89, unter seiner Herrschaft wird Ileanas Familie aus dem Haus in Bukarest vertrieben und hat nun eine kleine Plattenbauwohnung zur Verfügung. Doch damit käme sie klar, auch mit den ständigen Stromausfällen und den elenden Geschichten, die in der Schule erzählt werden, um die aufgezwungene Liebe zum Kommunismus und Rumänien zu manifestieren.

Der permanente Streit ihrer Eltern über Politik und Sicherheit, die Spitzel im Freundeskreis, die Wanzen in ihrer Wohnung und ihr verschwundener Onkel Andrei hingegen sprechen eine Sprache, die das junge Mädchen noch nicht so recht versteht. Bis ihre Eltern sie zu ihrem eigenen Schutz zu den unbekannten Großeltern im weit entfernt gelegenen Dorf in den Karpaten schicken. Doch auch dort findet die Securitate das Mädchen mit ihren Geschichten und bedroht mehr als nur ihr Leib und Leben …

Der Leseeindruck

Es fängt ganz harmlos an – eine kleine, 3-köpfige Familie, die mit den allgemeinen Irrungen und Wirrungen des rumänischen Kommunismus zu tun hat. Daraus entwickelt sich schleichend ein Kampf mit und gegen das System, der schließlich ganz konkret das Leib und Leben der Familie bedroht. Aus der Sicht der knapp 10-jährigen Ileana beschrieben geht ihr Leben in die Brüche, als sie zu den ihr unbekannten Großeltern aufs Land ziehen muss.

Die Kapitel sind recht kurz gefasst und wechseln sich von der Realität ausgehend ab mit einer Geschichte, die Ileana sich selbst erzählt plus geschichtlichen Rückblicken ihrer Familie. Der schnelle Wechsel lässt die Seiten nur so dahinschmelzen und die Parallelen zwischen dem Märchen und der Gegenwart werden immer deutlicher. So fungiert das Märchen fast als Vorhersage der eigentlichen Geschichte und erhöht in kurzen Abständen immer wieder die Spannung, weil man sich fragt, in welcher Form sich diese und jene Handlung wohl vollzieht. Je grausamer sich die Vergangenheitsrückblicke erweisen, desto mehr fiebert man mit, dass Ileana es am Ende am Grab vorbei schafft und irgendwann normal leben kann.

Wenngleich es eben diese Rückblicke auf Ileanas Familie im zweiten Weltkrieg gibt, die ein sehr brutales Bild zeichnen – leider bleibt die politische Seite aus faktischer Sicht etwas unter dem, was angesprochen hätte werden können. Das Bild vom Kommunismus und der Gewalt des Diktators wird mit wenigen harten Worten gezeichnet und davon nicht abgewichen. Es hätte viele weitere Aspekte gegeben, die man aus der Realität her in die Handlung dieses Buchs hätte integrieren können. Irritierend zudem, wie moderne Umgangssprache Einzug in ein altes Märchen hält, das auch noch (in diesem Buch) in den 80ern erzählt wurde, das präsentiert sich nicht ganz stimmig, ist aber nur ein kleines Detail.

Durch das gesamte Buch zieht sich allerdings ein insgesamt super atmosphärischer Schreibstil, der im Leserkopf Bilder zeichnet – beispielsweise vom Leben in den Karpaten mit den kleinen Katen, die sich ins Gebirge ducken. Die Ausflüge ins Übernatürliche sind ebenso sehr gelungen (es gibt mehrer alte Legenden, die zwischendrin erzählt werden). Denn auf der einen Seite könnten sie schlichtweg der Vorstellungskraft entspringen, zum anderen aber auch einer fast magischen Quelle entspringen. Hier kann sich der Lese für eine komplett eigene Sichtweise entscheiden, was dem buch absolut zum Vorteil gereicht.

Nicht perfekt umgesetzt, aber eine insgesamt wirklich sehr, sehr lohnenswerte Geschichte!

Die Geschichtensammlerin. Jessica Kasper Kramer. 
Wunderraum. 20 Euro.

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