Irische Einzelschicksale

Diese Sammlung verschiedenster Geschichten haben eines gemeinsam: Es geht um ganz normale Menschen in ihren jeweils vollkommen üblichen Lebenssituationen. Sie alle stehen an einer Kreuzung, müssen sich entscheiden oder haben die Chance, etwas zu verändern. Sie alle müssen sich dabei ihren eigenen Zweifeln, inneren Dämonen und widrigen Umständen stellen.

Das macht den Zugang zu den Figuren entsprechend sehr einfach, wovon so eine Anthologie sehr profitiert, da ihr naturgemäß ein gesamtheitlicher Spannungsbogen fehlt. Da wäre eine junge Frau, die ihre Heimat verlassen könnte, um ihrem gewalttätigen Vater zu entkommen. Doch sobald sie mit diesem „Verlust“ konfrontiert wird, erscheint ihr ihre prekäre Situation plötzlich doch ganz in Ordnung. Dann hätte da ein Mann die Chance auf wahre Liebe, aber er ist völlig blind für Gefühle und sagt auch lieber „Nein“ zu einem entscheidenden Schritt.

Menschen sind und bleiben halt Gewohnheitstiere. So wirken diese Einzelbeispiele menschlicher Schicksale sehr desillusionierend und umso mehr motivierender für das eigene Leben. Während einer der Charaktere von einer tatsächlichen Paralyse befallen, sind die übrigen von einer Motivationsparalyse verhindert.

„Dubliner“ eignet sich hervorragend für den Einstieg in die literarische Welt James Joyces. Das liegt zum einen an der entspannten Schreibweise, die Joyce zu dieser Zeit noch nutzt. Klare, simpel strukturierte Sätze, wenig inhaltlich Abstraktes, was zum Gegenstand der Erzählungen passt. Der zweite Grund für die leichte Verständlichkeit sind die Anmerkungen, die am Ende des Buchs Aufschluss über so manchen Ausdruck oder Hintergrund liefern, der einem nicht geläufig oder bekannt ist. Weiter gefasste Hintergrunderklärungen gibt es durch das tolle Nachwort von Ijoma Mangold, wo das Leben von Joyce rund um die Entstehungszeit kurz umrissen wird und dann vereinzelt Szenen analysiert werden. Das ist tiefgreifend genug, um hilfreich zu sein und kurz genug gefasst, um nicht in eine wissenschaftliche Diskussion abzugleiten.

Auch optisch eine sehr schöne Ausgabe mit qualitativ hochwertigen Materialien!

James Joyce. Dubliner.
Manesse Verlag. 24 Euro.

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