Ein zweites Leben starten?

Anoush und Anouk – ihre Mütter liegen zusammen im Kreißsaal und nennen die zum Verwechseln ähnlichen Babys aus Jux sehr ähnlich. Sie wachsen als beste Freundinnen auf – bis alles in erster Instanz endet, weil Anoush von ihrem Ehemann mit Anouk betrogen wird. Die beiden Frauen bekommen keine Chance auf Wiedergutmachung, denn Anouk wird von Jacob ebenfalls verlassen und nimmt sich das Leben – sie sei am Ende ihres Lebens angekommen, sei die Person, die sie hätten werden sollen und weiter ginge es nicht. Die Eltern hat sie vor langer Zeit bereits verstoßen und damit steht Anoush vor den Scherben ihres gesamten Lebens. Nach einem Kletterunfall wird sie von einer Frau gefunden, die Anouk (und damit auch Anoush) wie aus dem Gesicht geschnitten ist und ihr Gedächtnis verloren hat. Sie bleibt und kümmert sich um Anoush …

Reise zu sich selbst

Aus dieser Situation heraus ist es an Anoush, sich mit den Geschichten und spärlichen Erinnerungen ihrer Besucherin zu beschäftigen. Diese passen eigenartig gut zu ihrem eigenen Leben, ihren Träumen – und denen der verstorbenen Anouk. Zeitgleich wird die Vergangenheit nicht nur aus einer Perspektive, sondern vom Sichtpunkt mehrerer Generationen betrachtet. Das offenbart, wie unterschiedlich Wahrnehmung und Interpretation sein können: Verantwortung, Schuldzuweisungen und Unverständnis können sowohl aufgehoben als auch verschlimmert werden. Am Ende steht aber immer die Entscheidung, wie Anoush mit der neuen Sicht der Dinge umgehen will: Akzeptieren als Teil ihrer selbst, was kann vergeben werden, was muss sie loslassen? Es ist eine sehr tiefgreifende Reise zu ihrer eigenen Identität.

Bewusste Unklarheiten

Die Autorin perfektioniert das Verwirr-Spiel, denn die Besucherin von Anouk taucht nie im Beisein von Zeugen auf, nimmt aber anscheinend wirklich physische Handlungen vor. Zeitgleich sagen sie selbst, dass sie alle 3 (Anoush, Besuchs-Anouk und die echte Anouk) ein Teil von der realen Anoush sind. Sie sollen sich austauschen, miteinander ins Reine kommen und vereinen zu einer lebensfähigen Anoush, die die Zukunft meistern kann. Unter diesem Zeichen steht auch das Ende, das ein wenig Mitdenken erfordert und die Bereitschaft für Schwammigkeit.

Kurzweilige Kapitel

Nun könnte man meinen, das Setting bedinge eine gewisse Eintönigkeit: Immerhin sprechen weitestgehend nur 2 Personen in einer verlassenen Hütte in Italien miteinander. Die Kapitel jedoch sind ganz spezifischen Erinnerungen gewidmet, nicht plakativen Gerede oder Gedankenplänkeleien, es gibt also doch eine eher indirekte Handlung. Zudem sind diese Kapitel sehr kurz, sodass man keinen Sermon durchschwimmt als Leser:in, sondern kurzgefasste Eskapaden oder auch Verbrechen.

Deutlichkeit als Stilmittel?

Fast könnte man meinen, der schonungslose Blick auf diese Verbrechen und die Vergangenheit ist ein Markenzeichen dieser Erzählung. Oft gelten Erinnerungen als trügerisch, weil man sie emotional bewertet und nicht rein nach dem Geschehen geht. Dagegen steht der sehr nüchterne Erzählstil der Autorin, der eben gleichzeitig dafür sorgt, dass direkt und ehrlich berichtet wird. Es war einfach so und nicht anders, sehr faktisch orientiert geht es durch das Leben von Anouk und/oder Anoush und auch die Emotionen der Leser:innen bleiben auf zweiter Ebene zurück – bis man innehält und sich fragt: Was bitte habe ich da gerade gelesen?!

Das Fazit

Gerade wegen des Effekts beim Innehalten ein sehr berührendes und zeitgleich schockierendes Buch. Der Mehrwert des Lesens generiert sich hier nicht aus der Unterhaltung durch das Lesen – man fängt an, über sein eigenes Leben nachzudenken. Ob man nun Wertschätzung dafür empfindet oder merkt, dass man stellenweise etwas aufzuarbeiten hat, es ist dem Buch als Leistung zuzuschreiben.

Der Kirschbaum, den sie ihrer Mutter nie schenkte. Siba Shakib.
C. Bertelsmann. 22 Euro.

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