Wenn Märchen zur Doktrin werden

Rund zwei Jahrhunderte ist es her, da Cinderella den Prinzen von Lille geheiratet hat und leider nach langer Krankheit verstarb. Ihre Geschichte wurde zur Doktrin: Alle Mädchen, die in Lille leben, müssen ab dem 16. Geburtstag zum jährlichen Ball im Märchenschloss. Dort erheben anwesende Männer Anspruch auf sie, was die jungen Damen zur Heirat und absolutem Gehorsam gegenüber ihren Ehemännern verpflichtet. Denn was für Cinderella gut genug war. ist es doch sicherlich auch für alle nachfolgenden Generationen? Sophia sieht das anders, doch aus ihrem einfachen Aufbegehren wird bald ein Kampf gegen übernatürliche Mächte und das Böse, das offenbar in jedem Mensch zu stecken scheint: Eine ihrer Freundinnen stirbt und entgegen der öffentlichen Meinung war das definitiv kein Suizid … Sophie ist entschlossener denn je, das System zu stürzen – zusammen mit neuen Bekanntschaften und überraschenden, alten Freundschaften.

Der erste Eindruck der Protagonistin

Von Anfang an ist das Unrecht klar, gegen das Sophia kämpfen möchte – und unsere mentale Unterstützung hat sie sofort! Ohne jeden Zweifel muss hier etwas geschehen, weswegen man sofort mit Sophia mitfiebert und -leidet. Sie stößt auf so viel Widerstand, sogar von Menschen, die ihr extrem am Herz liegen, dass man sich umgehend an ihre Seite stellen möchte. Die Protagonistin ist von A bis Z durchdacht konstruiert, ihr Umfeld realistisch – auch, wenn das wehtun mag. Bestes Beispiel ist Sophias Vater: Einer von den eigentlich guten Männern, doch auch er tut nichts, um seine Tochter vor dem Ball zu schützen. Sie alle bleiben natürlich aus Angst in dem herrschenden System, aber als Tochter diesen Mechanismus zu durchschauen, den Vater direkt darauf anzusprechen und sich trotzdem nicht in plakativen Teenager-Gehabe zu verlieren, spricht für eine wirklich klug gemachte Person und Personenkonstellation.

Die Handlung

… ist in sich kongruent und fortlaufend. Sie passt auch zu dem Gesamtsetting einer sehr kleinen Welt, in der es naturgemäß wenig Einfluss durch Menschen gibt. Zumal die Gesellschaft insgesamt unter Angst geknechtet dem allgemeinen Strom folgt und nur sehr wenige sich auflehnen – wenn auch nur gedanklich. Es gilt, das Rätsel um den Prinzen von Lille zu lösen, damit Sophie die Lösung findet, wie sie ihn als Regent eliminieren kann. Sie reist herum, findet neue Kontakte, lernt über Magie, etwas über sich selbst, kämpft mit ihren Gefühlen und verliert doch nie das Ziel aus dem Auge.

Es gibt eine (noch) ernste(re) Seite

Wer noch mehr hineinlesen möchte, kommt voll auf seine Kosten: Die Geschichte einer weißen Frau (Cinderella als die blonde Disney-Gestalt) wird verdreht, zum Erfolgsbeispiel im Leben schlechthin gemacht und dazu benutzt, einfach alle zu unterdrücken. Das Patriarchat in Reinform – wie wir es auch bis zu den 50ern kannten inklusive Gesetzgebung in der BRD (sag noch einer, das wäre nur ein Märchen). Nun kommt eine junge Schwarze Frau, die das zum Glück nicht mehr akzeptieren möchte. Sie hat in sich gehört und festgestellt, dass sie anders ist und doch absolut valide. Diese Grundüberzeugung ist unerschütterlich. Nicht nur kommen hier Anti-Diskriminierungsaspekte zum Tragen, sondern auch übergreifender Feminismus, weil allen geholfen wird und am Ende niemand neu unterdrückt. Das alles ist der erzählten Geschichte so inhärent, wirkt so natürlich, dass es nicht wie ein Label wirkt, sondern super authentisch.

Absolut perfekt umgesetzt für ein Jugendbuch, bei dem die Protagonistin als Vorbild fungieren kann und auch nicht vergessen wird, dass auch die Antagonisten nicht generell verurteilt werden.

Das Fazit

Eine so wohldurchdachte Erweiterung der Märchenwelt, dass man nicht von einer Neuerzählung sprechen kann oder sollte. Es ist eine ganz eigene Geschichte, die pointiert viel gesellschaftliches aufs Korn nimmt und auch jugendgerecht aufbereitet. Definitive, unumstößliche Leseempfehlung. Empowerment pur.

Cinderella ist tot. Kalynn Bayron.
18 Euro. Heyne.

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