Glorifizierter Glamour

Mary hat sich von der kleinen Wanderschauspielerin in die Herzen der amerikanischen Zuschauer gespielt und ist jetzt DER Star schlechthin des Stummfilms. Doch so sehr der Ruhm ihr hilft, das “arme Leute Leben” von damals hinter sich zu lassen, so unglücklich ist sie abseits der Kameras: Gefangen in einer unglücklichen Ehe, die sie des Image wegen nicht verlassen darf. Sie könnte ewig so weitermachen, das falsche Bild aufrecht erhalten, wäre da nicht Douglas, ein Schauspielkollege. Er hegt schon lange Gefühle für sie, doch hält das lange geheim. Bis er sie eines Abends küsst.

Erster Kritikpunkt: Idealisierte Kunstfigur

Es ist nicht so, als hätte man gar keine Verbindung zur Hauptperson. Man gönnt ihr das Glück, wie man es jeder Person gönnt, die man als lose positiv kennenlernt. Mehr aber halt auch nicht – zwischen den Zeilen kommt keine Leidenschaft durch, keine echte Menschlichkeit. Sie ist eben nicht alltäglich und ganz normal, sondern eine Vorstellung von Emily Walton: Eine zu einem unförmigen Gebilde hochstilisierte Kunstfigur. Mein größtes Problem habe ich mit der Gedankenwelt, die ihr unterstellt wird: Wir wissen alle, dass es massive Unterschiede zwischen Social media und der Realität gibt. Überträgt man das auf den echten Mensch und seinen Ruf in der Öffentlichkeit (damals), gibt es hier so gut wie keinen Unterschied. Sie ist selbst in ihrem Innersten, in ihren Gedanken die perfekte Heroine und damit relativ langweilig.

Zweiter Kritikpunkt: Fehlgeleitete Flair-Bemühungen

Der Versuch, an den Flair der damaligen Zeiten zu erinnern, sind zu platt, zu offensichtlich. Man merkt genau, wo Recherchen zu Produkten, Handtaschen, Handschuhen eingeflossen sind – denn sie fallen zu sehr auf. Bei diesen Infos sollte normalerweise einfach ein Eindruck der Umgebung mit einfließen, ein kleines Aufblitzen in den Gedanken, während man eigentlich bei der Handlung bleibt und sich leicht zurückversetzt fühlt in der Zeit. In diesem Buch sind das relativ brutale Zurückversetzungen, die die Leichtigkeit einer glamourösen Liebesgeschichte mit einer Effizienz zunichte machen, bei der Forscher alternativer Kraftstoffe neidisch werden.

Dritter Kritikpunkt: Ihre Business-Seite

Die echte Mary Pickford hat ein Imperium aufgebaut. gerade in dieser damaligen Zeit ist ihr das nicht als Americas Sweetheart geglückt, sondern als mit allen Wassern gewaschene Frau. Man bedenke – das war die zeit, in der Frauen ohne Zustimmung ihres Mannes gar nichts durften, Vergewaltigung in der Ehe legal war und die Stellung der Frau einfach völlig im Allerwertesten. Sie jedoch war Produzentin und nicht einfach nur das gelockte Mädchen vor der Kamera. Sie nahm Einfluss, nutzte ihn und begründete unter anderem einen Filmvertrieb mit sowie Academy of Motion Picture Arts and Sciences, die die allseits bekannten Oscars vergibt.

Vierter Kritikpunk: Toxische Charaktere

Es war ab spätestens Seite 75 ein Fest der Oberflächlichkeiten und des toxischen Verhaltens: Die gute Mary möchte NIEMALS werden wie Mama, denn die wurde rund und bekommt jetzt nur noch die Rolle der Köchin. Das wäre ja der Endfeind für Mary. Schlimmer ist da noch Douglas, der ja irritierenderweise der Held der Geschichte sein soll oder zumindest die zweite Hälfte des Traumpaars: Seine Frau Beth hat ja öfters Migräne und er muss ja seine Triebe woanders ausleben, also ist er notorisch untreu, womit Beth sich arrangiert hat – und ihm noch schön das Leben organisiert, von Konten bis Scheckverwaltung et cetera. DAS ist DER Traumtyp für Mary? Soll sie darauf hoffen, nie Migräne zu haben oder wird sie Gesundheit vorschützen, um Untreue zu vermeiden? Richtig mieses, toxisches Verhalten induziert durch eine Gesellschaft, die Männer von Trieben getrieben sieht und Frauen als Erfüllungsgehilfen dieser Triebe. Das im Übrigen sind heutzutage Äußerungen, die man von AfDlern findet. Er findet es übrigens auch voll romantisch, jeden Tag mehrere Telegramme zu schicken, bie sie ungelesen in eine Schuhbox steckt. Sie ignoriert ihn in der Öffentlichkeit, zeigt ihm die kalte Schulter und natürlich ist es voll romantisch, dass er sich ihr weiterhin aufdrängt und damit ist das Urteil fix.

Das Fazit

Das Buch ist im wesentlichen ein Stummfilm, denn von Mary Pickford selbst hört man nichts, sie ist emotional nicht greifbar. Stattdessen wird toxisches Verhalten romantisiert.

Emily Walton. Miss Hollywood – Mary Pickford und das Jahr der Liebe.
12,99 Euro. Heyne.

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