Feminismus im Mikrokosmos?

“Mutti”, sagt Monika, steht tropfnass und hochschwanger von den Türen der mütterlichen Tanzschule. Doch ihr Flehen bewirkt nichts, denn Mutti Schöllack weist sie ab. Vor der Tür bricht sie im strömenden Regen zusammen und wird ins Krankenhaus gebracht. Als direkt neben ihr eine werdende Mutter stirbt, flippt sie ein wenig aus, wird stark sediert und wacht Tage später im Krnakenhaus wieder auf: Ihre Mutti an der Seite, die ihre Tochter zu ihrer Schwester und deren schwulem Ehemann gegeben hat. Denn eine alleinerziehende Tochter? Absoluter Skandal! Anstatt Monika zu unterstützen, schottet ihre Schwester sie immer stärker ab, denn nur so glaubt sie, ihre Ehe retten zu können. Die dritte Schwester im Bunde, Eva, steht ebenfalls vor einer Ehekrise und mit der Abhängigkeit von ihrem Mann – nicht einmal ein Hotelzimmer darf sie sich nehmen, ohne dass er für die Erlaubnis angerufen wird …

Wolfgang von Boost und seine Frau Helga ziehen Dorli, Monikas Tochter auf. Bild: ZDF/Stefan Erhard

Die Kritik

Zunächst einmal lässt sich festhalten, dass man diese drei-teilige Mini-Serie auch sehr gut verstehen kann, wenn man den Vorgänger (Ku’damm 56) nicht kennt. Jede Folge hat eine Laufzeit von knapp 90 Minuten und ist daher keine übliche Serie, sondern eine 3-teilige Geschichte mit jeweils Spielfilmlänge.

Das alles beherrschende Thema ist die Emanzipierung, die anhand der vier Rollen sehr eindringlich erklärt wird – denn Feminismus und Emanzipation muss nicht immer mit der Keule um die Ecke kommen. Es gab und gibt Frauen in den unterschiedlichsten Positionen und Lebenssituationen, die sich aus den gesellschaftlichen Zwängen befreien wollen, müssen oder sollten. Hier haben wir eine Frau, die einen homosexuellen Ehemann hat. Das an sich würde ihm Gefängnisstrafe und mehr einbringen, doch ans Messer liefern möchte sie ihn nicht. Eine bürgerliche Idylle aufzubauen, ist genauso schwer – und um die zu bekommen, verletzt sie ihre Schwester ganz bewusst. Zum anderen ist ihre Haltung aber auch ihrer Erziehung anzulasten, deren Konsequenzen manchmal so unterbewusst ablaufen, dass man sie erst einmal entdecken muss. Eva ist in einer Ehe gelandet, die eigentlich gesellschaftlich super anerkannt ist – nur sie damit eben nicht glücklich. Ihre Abhängigkeit vom Ehemann frustriert sie zunehmend, aber was tun? Ihn verlassen? Von welchem Geld dann leben? Was mit dem restlichen Leben anfangen? Es können ganz kleine Schritte sein, die zu etwas mehr Unabhängigkeit führen.

Diese Betrachtung auf dem Mikrokosmos einzelner Personen ist hervorragend umgesetzt. Sie zeigt, wie viel vom Miteinander abhängt und dass es eben doch mal eine gehörige Portion LMAA gegenüber den sozialen Regeln benötigt – und man trotzdem in eine Wand laufen kann. Jede Frau muss ihren eigenen, persönlichen Weg finden. Wenn das in einer Ehe ist, sie kochen liebt und sich dafür ganz bewusst entschieden hat (und diese Meinung jederzeit revidieren kann), ist sie genauso emanzipiert wie die Frau, die sich als Ingenieurin einen Namen macht und sogenannte Männerdomänen rockt.

Zeitgleich gibt es erste Andeutungen über die sich aufbauenden Spannungen zwischen Ost- und Westdeutschland, was ein wenig Hoffnung auf eine Fortsetzung schürt. Eine ruhige Serie, die viel Aussagekraft hat, interessante Charaktere miteinander verbindet, persönliches Wachstum in den Fokus stellt und auf aberwitzige Effekte verzichtet – absolute Empfehlung!

Bettina Riedel (academicworld.net)

Ku’damm 59
3 Episoden à zirka 90 Minuten

Ab dem 27. April als DVD und BluRay im Vertrieb von Universum Film im Einzelhandel erhältlich.

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