Jenseits der Milchstraße

Victoria Roth ist vor allem für ihre Trilogie „Die Bestimmung“ bekannt. Mit ihrem neuesten Werk, „Rat der Neun“ wagt sie sich in ein neues Gebiet – denn die Geschichte rund um Cyra und Akos nimmt in einem Science Fiction Szenario übernatürliche Züge an. Top oder Flop?

Jenseits unserer Galaxie: Akos ist noch ein kleiner Junge als die Krieger der Shotet ihre Siedlung überfallen, seinen Vater ermorden und ihn samt seinem Bruder Eijeh entführen. Die Krieger handeln auf dem Geheiß der Familie Noavek, zu der auch die ebenfalls junge Cyra gehört. Ryzek Noavek, Cyras Bruder, möchte Eijeh für seine Zwecke missbrauchen – denn der Junge ist ein Orakel wie seine Mutter und amit besonders wertvoll. Akos hat eine andere Lebensgabe. Er wirkt wie ein Störsender auf die Gaben seiner Mitmenschen, denn er unterbricht den „Strom“, der durch alle Lebewesen fließt. Damit wird er nach dem Shotet-Training zum optimalen Begleiter von Cyra. Denn deren Gabe ist der Schmerz und jeder, der sie berührt, riskiert sein Leben und qualvolle Pein.

In seiner Zeit bei den Shotet gibt Akos eine Hoffnung nicht auf: Er hat seinem sterbenden Vater versprochen, Eijeh wieder nach Hause zu bringen. Indessen will Ryzek die Shotet zu einer vorherrschenden Macht in ihrer Galaxie ausbauen und ihm ist jedes Mittel recht: Sogar den Einsatz Cyras als gehorsame Folterwaffe und den Missbrauch von Eijeh. Doch in dem gleichen Maße, in dem sich in Cyra Widerstandskräfte aufbauen, entsteht auch eine ernstzunehmende Rebellion. Und die will nichts Geringeres als Ryzeks Kopf. Ein tödliches Katz und Maus-Spiel für alle Parteien, in dem die Lüge oft selbstverständlicher von den Lippen kommt als die Wahrheit …

Die Kritik

Vorab: Ja, mit diesem Buch wird die Autorin ein Stück seriöser und beweist, dass sie allmählich den Jugendbüchern entwachsen möchte. Dass es sich um ein solches handelt, sollte man sich beim Lesen immer vor Augen halten. Denn die Charaktere verhalten sich entsprechend ihres Alters manchmal schon sehr impulsiv und die Emotionen liegen immer direkt unter der Oberfläche.

Bei ihrer Erzählung konzentriert sich Veronica Roth auf zwei der Hauptpersonen. Die übrigen Charaktere sind ebenfalls sehr wichtig, sodass man eigentlich gar nicht so klassisch zwischen Haupt- und Nebenpersonen unterscheiden muss. Nach den ersten beiden Kapiteln dauert es rund das erste Drittel des Buchs, bevor Akos wieder zum Erzähler wird. In der Zwischenzeit lernt man Cyra sehr gut kennen, Akos bleibt immer etwas mysteriös, was der Spannung zu Gute kommt: Hat er eine Art Gehirnwäsche durchlaufen? Naja gut, nicht wirklich, das ist auch kein Spoilern wenn ich das so sage. Aber was, wenn er sich zu sehr an die Shotet gewöhnt hat und zu Hause nicht mehr der Thuvesier sein kann, der kleine thuvesische Junge, der er so gerne wäre? Ein sehr interessanter Konflikt.

Wer nach „Die Bestimmung“ wieder Teenager-styled Pseudoromantik erwartet, wird enttäuscht – und sich darüber vermutlich freuen. Es ist kein Geheimnis, dass Cyra und Akos eine Art Beziehung aufbauen, aber es ist nicht mit der vorherigen Art von Die Bestimmung vergleichbar. Im Vordergrund steht tatsächlich die jeweilige, persönliche Befreiung von Ryzek und den eigenen inneren Zwängen.

Dieser Absatz ist ein potenzieller Spoiler. Für alle, die auf so etwas viel Wert legen, bitte kurz überspringen und direkt das Fazit lesen: Ältere Leser werden einen oder zwei kleinere Logikfehler entdecken. Beispielsweise habe ich mich schon gefragt, ob werder Cyra noch Akos bedenken, dass Ryzek mit Eijeh über ein eigenes Orakel verfügt – und deswegen durchaus über etwaige Pläne der Rebellen Bescheid wissen könnte. Als Jugendlicher mag man auf so etwas vielleicht nicht so sehr achten. Das gibt einen kleinen Punktabzug.

Außerdem: Manchmal macht die Autorin große inhaltliche Sprünge zwischen Kapiteln, die den Leser etwas irritieren und den Lesefluss aufhalten. Ausgerechnet das größte Beispiel kann ich nicht nennen, das wäre definitiv ein ernster Spoiler. Aber sagen wir, die Situation ist A und plötzlich sind wir in Situation D – und es braucht einige Seiten, um diese Lücke zu füllen.

RAT DER NEUN ist keine richtige Science Fiction. Dafür gibt es viel zu wenige technische Beschreibungen oder andere typische SciFi-Elemente. Roth konzentriert sich vor allem auf die Menschen und hat sich dafür einfach eine Gesellschaft ausgedacht, die zwischen Planeten reisen kann und auf eine mystische Energiequelle, den „Strom“ vertraut.

Warum heißt das Buch nun RAT DER NEUN? Das geht bis zu den letzten Seiten fast etwas unter. Neugierige finden eine erklärende Skizze am Anfang des Buchs, die ich wirklich ans Herz legen würde. Klar ist, dass dieser Rat in der Fortsetzung eine wesentlich größere Rolle spielen muss, denn für Band 1 hat er bisher keine Bedeutung. Zur Erklärung: Es ist eine Raumstation über dem Planetensystem, auf dem quasi die Regierung sitzt. Warum sie sich nicht einmischt, wo die Rebellion und das Machtstreben der Shotet ganz offen ausgelebt wird, ist etwas fraglich. Hoffentlich bietet Band 2 die entsprechende Antwort.

Das Fazit: Um einige Ecken besser als Die Bestimmung, „aber“ immer noch (richtig) der Kategorie Jugendbuch zugeordnet. Veronica Roth ist eine Autorin, deren Weg ich entschieden weiterverfolgen werde, denn sie schreibt wirklich sehr vielversprechend. Sie muss sich nur mehr trauen – beispielsweise ihren Werken mehr Aussage verleihen.

 

Bettina Riedel (academicworld.net)

Veronica Roth. Der Rat der Neun. Band 1 von 2.
cbt Verlag. 19,99 Euro.

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