Zurück ins Land der Rus

Obacht, es geht hier im Band 2 von insgesamt 3, den man vorher gelesen haben sollte. Hier geht es zu Band 1.

Nach ihrem Abenteuer im russischen Wald gilt Wasja in ihrem Heimardorf als Hexe, was nicht von ungefähr kommt: Schließlich sieht sie die alten Hausgeister, die vor der christlichen Religion im ganzen Land existierten und kann mit ihrem Pferd Solowej reden. Der Winterdämon Morosko bietet ihr ein Zuhause an, doch Wasja ist noch zu sehr Kind, um das Angebot anzunehmen. Mit der Torheit der Jugend zieht sie aus, um neue Abenteuer zu suchen, nur um in eines verwickelt zu werden, an dem sie sich verheben könnte: Tartaren überfallen die Dörfer der Rus, brandschatzend und mordend. Doch selbst, als sie eine dieser Truppen vernichten, wartet das Böse auf sie. Ausgerechnet in Moskau, wo Wasja ihre Geschwister Alexander und Olga wiederfindet.

Der Leseeindruck

Es beginnt aus der Perspektive der hochgelobten, idealisierten Schwester Olga, die für eine vortreffliche Ehe nach Moskau gezogen ist – und dabei Wasja zurückgelassen hat in diesem kleinen Dorf voller leicht beeinflussbarer Menschen. Man merkt sofort, dass dieser Band weniger märchenhaft wird, schließlich ist die Existenz der Tschyert quasi erwiesen und Morosko auch kein Hirngespinst – damit sind die Fantasy-Elemente vorerst ausgeschöpft.

Stattdessen quälen Wasja die Zweifel, denn nicht nur ihr Vater ist ihretwegen gestorben. Sie ist weggelaufen und weiß nicht, wohin sie gehört. Ihr Bruder will ihr eine Ehe aufdrängen, Morosko ein Zuhause und sie selbst will dahinfliegen auf Solowejs Rücken. Vielleicht kann man Wasjas Weg mit dem Weg moderner Menschen gleichsetzen, die aus dem Alltag gerissen werden, in dem sie aufgewachsen sind. Sie fühlen, wer sie als Person sind, aber sie passen vom Gesamtbild her nicht mehr in die gesellschaftlichen Strukturen. Wasja will reisen und das kann jede:r mit Sicherheit gut nachvollziehen.

Welchen Preis hat die vermeintliche Selbstverwirklichung?

Jedoch kommt sie nicht weit und da fängt es an, sich etwas hinzuziehen. Sie bleibt im gleichen Land (Rus) und endet bei ihrem Bruder und ihrer Schwester in Moskau, wo sie sich ganz schnell in den Strängen der Macht verliert: Sie gibt sich als Junge aus, lügt den Großfürst damit an, bringt ihre Geschwister und deren Kinder in Gefahr und das nur, weil sie sich durchsetzen will – dabei weiß sie nicht einmal, gegen wen. Sie findet Ausreden, um bleiben zu können, weil der Ruhm sie lockt. Doch jeder Tag, den sie länger dort verweilt, kann nur zu einer Katastrophe führen und das weiß sie. Die Katastrophe betrifft nicht einmal nur sie, selbst das Leben der 4-jährigen Nichte Mascha gerät dadurch in Gefahr. Das ist so hochgradig egoistisch, dass man seine Sympathie mit der Hauptperson verliert und das so gründlich, dass das Lesevergnügen deutlich bröckelt.

Das Ende

Schade ist, dass das Ende durch Wasja selbst getrübt wird. Denn auch wenn es einigermaßen zum Charakter passt, dass sie keine Erfahrung in Politik hat: Sie stellt sich teilweise schon maximal ungeschickt an und trifft Entscheidungen wie ein Kind seine Launen wechselt. Alles nach gusto und Ego, kein Funken Verstand. Da bröckelt die Leselaune dann noch etwas mehr dahin und man hofft auf Morosko, der als übermenschlicher Held die Heroine vielleicht doch zu etwas mehr Umsicht motivieren kann. Das Beste an dieser Fortsetzung? Solowej, ihr Pferd. Kluges Tierchen mit Hang zu Haferbrei.

Katherine Arden. Das Mädchen und der Winterkönig.
Heyne. 16,99 Euro.

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