Geschichten, die erzählt werden müssen

Obacht, hier geht es um Band 2, die Besprechung zu Band 1 findest du hier. Grundsätzlich sind die Teile der Trilogie voneinander unabhängig lesbar.

Kyra trägt ein dunkles Geheimnis mit sich herum. Sie hat eine Weile gebraucht, um zu erkennen, dass es nicht ihre Schuld war, was passiert ist. Doch für die Konsequenzen konnte sie dieses Gefühl immer noch nicht abstellen und so ist sie eine der vielen Frauen, die schweigen: Über Missbrauch – aus dem persönlichen Umfeld: Chris, Sohn des Geschäftspartners ihres Vaters. Ihr Bruder Elias weiß Bescheid und verteidigte sie einst, dafür jedoch wurde er aus der Firma der Familie geworfen, denn durch das allgemeine Schweigen entstand seitens ihrer Eltern auch eine völlige Unkenntnis der wahren Sachlage.

Kyra indes ist gerade mit Miriam in eine WG gezogen und versucht, sich ein neues Leben aufzubauen. An der Uni trifft sie jedoch direkt auf einen Professor, der sich keinen Deut über Gleichberechtigung zu scheren scheint und das geht ihr dann doch zu hart gegen den Strich. Sie ruft einen feministischen Podcast ins Leben – mit unerwarteten Folgen. Denn der geht durch die Decke und offenbart nicht nur Unterstützung und viele weitere Fälle, sondern auch die Abgründe der Gesellschaft.

Ein sehr holpriger Weg zur Heilung, doch Kyra geht ihn entschlossen. Wenn da nicht dieser Milan wäre, der plötzlich in ihrem Leben auftaucht und da nicht nur die Gedanken beschäftigt, sondern auch das Herz zum Klopfen bringt. Ungeschickt jedoch, dass gerade der zusammen mit Chris in einem Handballteam spielt …

Der Leseeindruck

Während das Buch auch völlig losgelöst von den beiden anderen zu lesen ist, bietet dieser Band 2 zwischendrin ein schönes Wiedersehen mit Lia und Noah. Der Fokus liegt aber klar auf Kyra und deren Geschichte ist halb eine Lovestory, halb ein Heilungsprozess von einer schrecklichen Tat.

Was ich aus schreibtechnischer Sicht besonders gut gelungen fand, ist die Gratwandung zwischen Consent, Realität und Charakteren, die trotzdem nicht „zu heilig“ wirken. Dieses Buch ist damit ein perfektes Beispiel dafür, wie man Zustimmung in Beziehungen einbauen kann, ohne dass es die Handlung „platt macht“ oder Charaktere „zu umständlich oder zu nett“ werden. Die Begriffe in den Anführungszeichen werden ja gerne als Argumente für das Gegenteil genannt.

Die Liebesgeschichte ist eine süße Version von Romeo und Julia, wobei sie ihr Ende deutlich besser managen, denn hier ist weder Gift im Spiel, außerdem befreien sich beide von den Ketten, die sie anfangs binden. Ob das aber reicht, um eine erfolgreiche Beziehung zu starten, ist nicht so ganz klar – aber wer will schon alle Details gespoilert bekommen.

Der Heilungsprozess ist so realistisch, dass man das Buch am Liebsten einigen Frauen in die Hand drücken möchte, die selbst in ähnlichen Situationen gesteckt haben und am Ende noch nicht so weit sind wie Kyra. Die emotionale Sicht ist sehr einfühlsam beschrieben, trieft nicht vor einem bestimmen Gefühl, ist völlig nachvollziehbar und nachfühlbar. Mit Büchern wie diesem verbinde ich die Hoffnung, dass andere Frauen Personen wie Kyra als Bezugspunkt des eigenen Handelns sehen können – und anschließend ihren Weg finden aus der Scham. Man muss dazu keinen Podcast gründen, aber allein Kyras Reflektionen bieten vielleicht Anhaltspunkte, Vergleichsmöglichkeiten und den Einblick, wie es gehen könnte, welche Schritte möglich wären. Niemand muss allein sein.

Im Vergleich dazu fast schon nebensächlich, aber dennoch erwähnenswert: Das Setting in Deutschland liest sich total natürlich und nicht irgendwie seltsam. Die gesamte Clique wirkt super sympathisch, überhaupt nicht aufgesetzt und für Leser:in fast, so als wäre man Teil davon.

Absolute Leseempfehlung für alle, die Romance ohne hardcore Glitzer, aber mit gesellschaftlicher Bedeutung lesen wollen.

Anabelle Stehl. Fade Away.
LYX. 12,90 Euro.

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