Einmal Seitenwechsel gen Wächter

Obacht, dies ist Band 6! Zu Band 5 geht es hier entlang.

Richard Drakh ist zurück und das wirft Alex Verus ganz schön aus der Bahn – denn immerhin ist er nicht einfach irgendein Schwarzmagier, sondern sein ehemaliger Ausbilder. Und Mörder. Und Psychopath. Und maximale gegenwärtige Bedrohung für die wackelige Sicherheit zwischen Weiß- und Schwarzmagiern … Mehr als Grund genug, um ihm in Zusammenarbeit mit Talisid und seinen Freunden hinterherzuspionieren, doch leider erweist sich das als recht mühsam und sparsam bei den Ergebnissen. Dann tritt noch der eine oder andere Umstand ans Tageslicht, wie eine von Weißmagiern geduldete Sklavenanstalt namens Weiße Rose (was für eine Blasphemie, aber das verstehen Briten vermutlich anders als Deutsche) und natürlich wollen die Alex an den Kragen, weil er sie vernichten möchte – und am Ende hängt alles zusammen und sein Leben am seidenen Faden!

Neuer Band, neue Menschen

Das Buch ist nicht für Quereinsteiger geeignet, man muss die Serie wirklich schon kennen, so viel ist klar. Man merkt ebenso von Anfang an, dass der gute Alex Verus eine Veränderung durchgemacht hat – er ist nicht mehr automatisch defensiv und geht nicht gegen alles vor, was da kreucht und fleucht. Es geht ihm und damit auch der Handlung nicht mehr um kill or be killed – er ist von Menschen umgeben, die zu seinem inneren emotionalen Kreis gehören und damit ist der Wahrsager nicht mehr als der Lone Wolf unterwegs. Er hat ein Netzwerk, auf das er sich verlassen kann – positive zwischenmenschliche Kontakte, die die Geschichte fortan prägen und das tut der Serie super gut.

Weniger Humor, mehr Politik

Was durchaus vermisst wird, ist weiterhin ein Hauch Charme, den man mit britischer Fantasy verbinden könnte – oder dem Feeling, dass es allein in London stattfindet. Ein wenig lokale Couleur könnten die Bände weiterhin gut vertragen und vielleicht die eine oder andere humorvolle Interaktion, die nicht schnurstracks und zielgerichtet auf das Ende der jeweiligen Episode ausgerichtet ist. In der Riege der Urban Fantasy behält die Alex Verus-Saga damit den mittlerweile gewohnten ernsten Ton bei und bekommt in diesem Band eine politische Komponente, die den Folgeband durchaus in anspruchsvollere Sphären heben könnte. Politische Fantasy braucht derweil natürlich weniger Humor und könnte durch gedanklich schwerwiegende Entwicklungen faszinieren und punkten.

51 shades of …

Entsprechend darf man zum Ende spoilern, dass die Wahl zwischen Pest und Cholera immer noch eine Krankheit am Ende hat. Inhaltlich damit bemerkenswert up to date für das Wahljahr 2021, übrigens. (Wählt klug, aber geht vor allem wählen!) Allein die Unterscheidung in Schwarz und Weiß bei den Magiern wird ad absurdum geführt, denn hier sind es die Weißmagier, die es richtig verbockt haben könnten und das eventuell sogar auf eine unverzeihliche Art und Weise (sollte kein Spoiler sein). Gut ist, dass es trotz der Rückkehr Drakhs nicht ausschließlich um ihn geht, sondern die gesamte magische Gemeinschaft porträtiert wird.

Energiegeladene Kurzweil

Insgesamt bietet dieser Band 6 aber doch entspannte Sommerunterhaltung. Denn so wie die Charaktere rätseln, wer nun hinter welchem Plan steckt und wer von welcher Fraktion mit wem zusammenarbeitet, so rätselt man als Leser:in gleichzeitig mit. Das hält bei Laune, das gibt zukünftigen Entwicklungen Bedeutung und kreiert die Impression eines sich immerwährend weiterdrehenden Spielbretts. Am Ende kommt es, wie es kommen muss und es liegt ein Brocken vor uns, der nicht nur den Auftakt des nächsten Bandes, sondern die restliche Serie dominieren dürfte. Minimal Abzug bekommt das Buch bestimmt von einigen Fans, weil der Klappentext durch die Farbkombination schwarz/lila eher schlecht zu lesen ist. Ansonsten macht sich lila neben den anderen kunterbunten Büchern aber sehr gut im Regal 😉

Benedict Jacka. Das Rätsel von London.
blanvalet, 9,99 Euro. Band 6 – Band 7 folgt im November 2021.

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