Die eigene Vergöttlichung

Rin ist eine Kriegswaise – niemand weiß, woher sie kommt und wer ihre Familie war. Sie wächst in einer abgelegenen Provinz des Reichs Nikara bei der Familie der Fangs heran, die nicht nur einen unscheinbaren Dorfladen führen, sondern auch gewiefte Opiumdealer sind. Rin führt ein fast sklavisches Leben, denn die Fangs beuten sie nach Strich und Faden aus. Ihre Hoffnung ist, bei der Militärakademie in Sinegard aufgenommen zu werden – doch hierfür muss sie nicht einfach hart büffeln.

Die Aufnahmeprüfung ist bretthart und selbst danach der Verbleib an der Akademie abhängig von den Launen der Lehrer. Doch sie schafft es, in Sinegard aufgenommen zu werden – und wird schneller, als ihr lieb ist, in den Krieg ihrer Nation mit den Nachbarländern reingezogen. Sie findet heraus, dass sie dem Volk der Speerly entstammt – einem Volk, das Zugang zu Göttern hat und noch dazu einem zerstörerischen Vertreter des Pantheons huldigt: dem Phönix. Seine brutale Kraft ist es, die den Krieg beenden oder befeuern könnte … und Rin komplett auslöschen.

Der Leseeindruck 

Absolut fantastisch!

Die fast 700 Seiten sind reich gefüllt an Hoffnung, Glaube, Schamanismus, Liebe, Verrat, Freundschaft und allem, was die Welt zu unserer Welt macht. Die Autorin scheut sich nicht, schwierige Fragen des Lebens zu stellen und ihre Antwort darauf zu geben – wie oft werden in Büchern solche Fragen gestellt und dann windet die Autorenschaft sich heraus. Nicht so bei Kuang, die hier richtig viel Arbeit und Seele reingesteckt hat. Davon aber hoffentlich dann doch nicht zuviel, denn zu den ernsten Themen gehört auch ein gehöriges Maß Brutalität und Folter durch das, was Menschen sich gegenseitig im Krieg antun (können). Das entwickelt sich zu einem echten Schocker und ist nicht unbedingt für Zartbesaitete zu empfehlen.

Wichtig ist auch, dass die Autorin keinen Wert darauf legt, eine sympathische Hauptfigur zu erschaffen. Rin verhält sich, wie ein glaubwürdiger Charakter es tun würde – und kommt dabei eben auch an moralische Kreuzungen, an denen sie sich auch mal falsch entscheidet. Einfach, weil sie ein emotional gesteuerter Mensch ist und nicht perfekt – und unter anderem der erwähnten Brutalität ausgesetzt wird. Das kann niemals spurlos an jemandem vorbei gehen, der auch nur ansatzweise mit seiner Umwelt verknüpft ist. Aspekte wie dieser machen das Buch zu einer wahren Wohltat inmitten künstlicher Kreaturen in anderen Fantasybüchern, in denen die Heroine jedes Mal als unbefleckte Jungfrau aus der Misere empor taucht. Hier geht’s dreckig zu, aber ehrlich.

Zwischen den Zeilen versteckt sich übrigens auch viel Zynik über das Leben einer Leistungsgesellschaft. Das Keju, so erkennt Rin recht schnell, ist nichts anderes als ein Mythos, um die Masse an einen Traum glauben zu lassen. “Gibt der Masse Hoffnung, sich von ihrem Alltag zu lösen und sie werden ihren Armuts-Alltag akzeptieren” – ein starker Brocken Wahrheit, der dem einen oder anderen Leser sauer aufstoßen könnte. Warum? Weil sie auch auf uns zutrifft.

Am Ende wird die Geschichte also weniger magisch als gewalttätig, dennoch bleibt sie mitreißend bis zum Ende und bringt enorme Charaktere hervor. Das Fazit bleibt: Vergesst MULAN.

R. F. Kuang. Im Zeichen der Mohnblume.
blanvalet. 16 Euro.

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