Auf eisigen Kristallen hinauf zum Berg

Greta ist die Herrin auf der Burg der Weißen Raben. Zusammen mit ihrem Mann Kay, ihrem Sohn Unik und einigen weiteren Familien leben sie lieber autark im Norden, als in der schmutzigen Stadt am anderen Seeufer. Die Winter sind lang, aber auch wunderschön. Greta liebt ihr Leben hier, doch eines Winters friert das Eis im See nicht richtig und die Tradition, an Mittwinter über das Eis zu wandern und das Lied der Schneekönigin zu singen, muss abgebrochen werden. Sorge verdunkelt die Gedanken vieler, denn ohne Eis, ohne Winter wird ihr kleines Reich doch sicherlich zerbrechen? Doch richtig schlimm wird es für Greta, als ihr Sohn Unik ins Eiswasser fällt, Fieber bekommt und sein Leben in Gefahr ist. Da ereilt sie der Ruf der Schneekönigin: Wenn sie auf den Berg in das Schloss der Eiskönigin kommt, könnte sie ihren Sohn retten …

Der erste Eindruck

Auf Instagram erklärte die Autorin während des Schreibprozesses schon, dass sie sich gerade mit Frauenrollen in Märchen beschäftige, weil Frauen oft als Antagonistinnen oder zumindest das eigentliche Problem einer Geschichte stilisiert wurden. Die Hexe im Wald, die herrische Zweitfrau oder eben die Schneekönigin. Verfügt eine Frau über Macht, nutzt sie dies ausschließlich für schädliche Zwecke, ist doch klar.

Feministische Märcheninterpretation

So überrascht es nicht, dass diese Interpretation aus der Sicht einer Frau mit Macht geschrieben wurde. Burgherrin ist Greta und Mutter. Sie gibt den Takt vor, nach dem das Leben in der Burg für viele Familien läuft. Für sie sind Wesen wie die Schneekönigin echt oder zumindest keine reine Fantasiegebilde. Da es ihr gut geht in ihrer Burg sieht sie keinen Anlass, am Leben dort viel zu ändern. Ihren Mann indes zieht es zurück in die Stadt, wo das Patriarchat dominiert, also völlig gegensätzlich zum Status Quo. Da die Beziehung aber von echter Liebe initiiert wird, schaffen die beiden, die Diskussion auf einem Level zu führen, das so frei von blanken Vorurteilen ist, wie es nur geht. Damit wird ein Fettnäpfchen weit umschifft: Es gibt nicht die beiden Lager „Frau gegen Mann“ (oder umgekehrt). Stattdessen liegt der Fokus schnell auf Greta als Mutter, die das Leben ihres Sohnes retten möchte.

Trotzdem Nähe zum Original

Dass die Geschichte eine Art Vorlage hat, ist auch vom ersten Moment an klar. Tatsächlich sind die wichtigsten Personen fast genau nach dem Märchen benannt, sodass man sich parallel zu diesem Buch immer versuchen kann, an das Original zu erinnern. Netterweise ist den vier Teilen dieser Geschichte jeweils ein Ausschnitt vorangestellt, sodass man hier kurz in der Vergangenheit schwelgen kann. Diese Interpretation versucht auch nicht, hart mit dem Original zu brechen. Vielmehr geht es um einen Wechsel der Perspektive, ein kleiner Wechsel mit großer Auswirkung. Es geht aber nicht um tiefe psychologische Ergüsse, final bleibt es ein langes Märchen, das im Detail erzählt wird und den Charakteren im Wesentlichen einfach mehr Menschlichkeit verleiht, die man als Leser:in natürlich besser nachvollziehen kann als eine stilisierte, ganz einfach gestrickte Kreatur aus einem überlieferten Märchen.

Einen besonderen Clou finden wir am Ende der Geschichte mit der Bindung dieser Interpretation an das Original. Erst dann wird einem die volle Tragweite dessen bewusst, was man hier gerade gelesen hat. Umso höher der Respekt gegenüber der Autorin, die sich dem Thema Feminismus in Märchen so intensiv angenommen hat, ohne mit der Moralkeule schwingend durch die Märchenwelt zu reiten und laut „Für Jeanne d’Arc“ zu rufen.

Das Fazit

Der Schreibstil ist gewohnt pointiert. Hier ist kein Wort überflüssig, sondern sehr bewusst gesetzt worden. Sehr süß bis erhellend – die Erzählung ist leicht eingängig und lässt die Leser:innen so schnell nicht mehr los. Vielleicht am Ende, nach dem kleinen Aha-Moment. Ein wundervolles Herbst-/Winterbuch.

Die Schneekönigin – Kristalle aus Eis und Schnee. C.E. Bernard.
penhaligon. 18 Euro.

Mehr Besprechungen zu C.E. Bernard gibt es hier. 

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