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Wir sehen uns morgen von Tore Renberg

Pal ist alleinerziehender Vater zweier pubertärer Töchter. Finanziell geht es ihm richtig schlecht, vor allem, seit er mit Onlinewetten angefangen hat. Da läuft er eines Tages Rudi über den Weg. Die beiden kennen sich noch aus ihrer Jugend, wobei Rudi sich daran zum Glück nicht erinnert – denn damals hat Pal mit Cecilie geschlafen, die mittlerweile seit Jahrzehnten die Freundin von Rudi ist. Zusammen mit ihm wohnt sie im Hause ihres Bruders Jan Inge. Zu dritt ziehen sie immer wieder Einbrüche durch und finanzieren sich so ihr Leben. Der vierte im Bunde war Tong, doch der sitzt gerade im Gefängnis ein. Mit Pal planen sie einen EInbruch bei ihm, damit er an die Versicherungssumme kommt. Natürlich sollen Pals Töchter dabei bloß nicht in die Quere kommen, doch die beiden haben ihre ganz eigenen Probleme: Tiril liebt Evanescence und ist voll auf dem Gothictrip, nebenher jobbt sie als Putzkraft in einem kleinen Laden. Dort lernt sie Sandra kennen, die mit dem absoluten bad boy der Gemeinde eine Beziehung angefangen hat und sich nun bei Malene, Tirils Schwester, ausheult. Für die ganze Schule ist das ein gefundenes Fressen und wir wissen ja, welche Auswirkungen das auf drei so unterschiedliche Mädchen haben kann …

Die Kritik

Eines muss man Tore Renberg lassen: Er verknüpft komplett unterschiedliche Charaktere in einem einzigen, schlüssigen Netz. Das merkt man als Leser von Anfang an, folgt man doch kapitelweise den Personen und stellt schnell fest, dass sie sich alle irgendwie kennen. Diese personenbezogenen Kapitel laufen alle zeitgleich ab und ergeben am Ende jeweils einen Tag. Davon gibt es im Buch insgesamt vier, wobei der Freitag quasi ausgelassen wird. Innerhalb von diesen vier Tagen stellen sich völlig normale Existenzen komplett auf den Kopf – und manche enden sogar, bei denen man dachte, die packen das schon.

Die Vielfältigkeit der Charaktere ist bemerkenswert und sorgt dafür, dass der Leser neugierig darauf wird, wie ales zusammenhängen kann und sich entwickeln wird. Teilweise wirkt das Buch fast wie eine Soap, die möglichst „realitätsnah“ aus dem Leben der Menschen „wie du und ich“ berichtet. Die Teenager sind auf der Suche nach ihrer eigenen Identität, der Vater kommt mit seinem Leben aktuell nicht mehr klar und will es irgendwie geregelt bekommen, Jan Inge versucht, aus drei Einzelpersonen eine Familie zusammenzuflicken. Im Grunde sind alle auf der Suche nach ihrem persönlichen Glück, bekommen aber ordentlich Steine in den Weg gelegt. Ob es jemals jemand von ihnen schaffen wird, sein Idealleben auf die Beine zu stellen?

Was man dem Autor auch unbedingt zugestehen muss: Er kann sehr gut erzählen. Mal nimmt er ein Blatt vor den Mund, mal weniger. Als schonungslos kann man den Erzählstil nicht beschreiben, aber als sehr offen und direkt. Dabei übertreibt er nicht, sondern erzählt ganz lapidar, als wären es Tagebucheinträge seiner Charaktere. Das bedeutet auch, dass sich die Geschichten manchmal sehr lange hinziehen. Damit ist „Wir sehen uns morgen“ kein Buch, in das man hineingesogen wird und unbedingt weiterlesen muss, sondern erfordert ein gewisses Eigeninteresse des Lesers und Durchhaltewillen.

Bettina Riedel (academicworld.net)

Tore Renberg. Wir sehen uns morgen.
Heyne Hardcore. 24,99 Euro.

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