Wenn Totentänzer sich einmischen …

… kann es ziemlich turbulent werden. Den besten Ruf haben sie nicht – allein schon, weil Magie im Reich Vhindona mehr als nur verpönt ist. Wer Magie wirken kann, wird von der restlichen Gesellschaft ausgeschlossen und muss sogar in eigenen Vierteln leben. Aurelia ist eigentlich die Tochter der Stadtarchitekten und damit eigentlich als Nachfolgerin einer reichen Familie vorherbestimmt. Eigentlich findet sie das auch prima – würde sie nicht uneigentlich Sachen immer wieder zum Explodieren bringen.

Ihre Eltern sperren sie „zu ihrem eigenen Besten“ weg, doch eines Tages lässt sich ihre Magie nicht mehr verstecken. Sie wird aus ihrem Leben gerissen und zum „Totentänzer“ Marius Cinna gebracht, der sie in ihrer Magie ausbilden soll. Und sie zu ihrer letzten Explosion befragen: Sie könnte Zeugin bei einem Mord gewesen sein, der zu einer Reihe weiterer Morde gehört, die politisch für ganz Vhindona höchst brisant sind …

Pro: Repräsentation & Diversität

Aurelia erlebt einen Konflikt in ihrer Familie, der mancher Seele aus ebendieser spricht: Wenn die Eltern das nicht mögen, was/wie/wer du bist. Aber du bist es, ob du dich dafür nun entschieden hast oder so geboren wurdest. Damit kann man sich gut verbinden, sich einfühlen und damit der Protagonistin auf ihrer Reise folgen wollen. Darüber hinaus äußert sie entsprechend offenen Gedanken und Haltungen gegenüber der LGBTQIA*-Community. Leider wirkt das stellenweise zu doziert, zu vollumfänglich erklärt als einfach Teil der Geschichte, Handlung und Gedanken von Aurelia zu sein. Dennoch ist es prima, dass es eingeflochten wurde und sich in die Reihe zu mehreren Neuerscheinungen stellt, die Diversität ganz explizit aufnehmen und ein Zeichen für mehr Repräsentation setzen.

Die Sprache ist sehr gewählt und passt sich auch unterschiedlichen Charakteren an, das wirkte sehr positiv. Natürlich spricht jemand, der hunderte Jahre alt ist, anders als der Jungspund dieser Generation. Und ein Wächter, der schon Jahrzehnte des Kampfs und des Alterns hinter sich hat, während er sich fast eventuell möglicherweise in einen anderen Mann verliebt hat, denkt und spricht auch anders. Hier ist sehr umfangreich gearbeitet worden und das merkt man den Charakteren an. Marius Cinna hätte aber gerne noch deutlich schrulliger sein dürfen, das hätte seine Rolle mit Sicherheit gut vertragen. So merkt man ihm etwas zu deutlich den ehemaligen Strategen und Politiker an, von dem wir fast nichts erfahren, weil er eben nicht mehr diese Rolle spielt. Erzählt wird im Wesentlichen aus den Perspektiven Marius, Johann und Aurelia.

Längen in der Handlung

Aus emotionaler Sicht fehlt das große Ziel, irgendein Event, auf das man hinfiebern kann. Stattdessen ist man an der Seite unserer Protagonistin, die sich in einer relativ unereignisreichen Lehre befindet – natürlich mit Alltagsproblemchen, aber das große Ganze fehlt, der Spannungsbogen löst sich zu schnell auf. Wenn das große Ganze die Morde und die Suche nach dem Täter sein sollen, dann sind sie zu wenig präsent. Daran ist Aurelia gar nicht weiter beteiligt, ihr Lehrer Marius Cinna ein wenig und von Johann bekommt man lange Zeit auch nicht so viel mit. Hier zieht sich die Handlung also leider bei mehreren Aspekten.

Klitzekleine Mankos …

… die vielleicht nicht einmal jedem auffallen, waren vor allem in dem Weltensetting zu finden: Grundsätzlich scheint es mittelalterlich geprägt zu sein, wobei der Übergang Richtung Dampfmaschine gerade stattfindet und ein Hauch von faszinierender Steampunk in der Luft liegt. Dennoch, beziehungsweise gerade deswegen fallen Momente auf, in denen die Protagonistin sich die Zähne putzt (wie, womit, macht das sonst niemand?), Worte wie „Arschloch“ verwendet (passt nicht zum restlichen Ausdruck) oder in Maßen wie Prozent und über Wahrscheinlichkeitsrechnung nachdenkt (ist diese Welt wirklich schon so weit?).

Das Fazit

Dafür, dass die Mordserie und die Jagd nach der Wahrheit im Klappentext der große Aufhänger war, kommt der Mittelteil leider in weiten Teilen ohne diesen Spannungsbogen aus. Wer sich in diese Welt verliebt, wird die Geschichte mögen, andere werden vermutlich einige Seiten überspringen.

Knochenblumen welken nicht. Eleanor Bardilac.
Knaur. 12.99 Euro.

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