
Wer wäre nicht neugierig darauf, in all jene Leben einen Blick zu werfen, die man hätte leben können, hätte man andere Entscheidungen getroffen? Gerade für Bücherwürmer scheint diese Vorstellung einen besonderen Reiz zu bieten: eine schöne Bibliothek, unendliche Lektüre und man selbst ist in jedem einzelnen Buch der Hauptcharakter. Doch durch die Vielzahl an Geschichten, die Nora durchlebt, bleiben die Nebencharaktere – manche tauchen nur flüchtig auf, manche ziehen sich durch die ganze Erzählung – leider eher flach und eindimensional. Noras Charakter ist der einzige, den man näher kennenlernt, doch man wünscht sich nur allzu oft, sie an den Schultern zu packen und schütteln zu können, wenn sie sich mal wieder mit ihrer negativen Einstellung selbst im Weg steht. Für jemanden, der – zum Glück – noch nie mit Suizidgedanken zu kämpfen hatte, sind ihre Gedankengänge oft schwer nachvollziehbar, jedoch mag dies hoffentlich den ein oder anderen für den verständnisvolleren Umgang mit depressiven Personen sensibilisieren.
Matt Haig lässt wiederholt Zitate großer Philosophen wie Heidegger oder – Noras Liebling – Thoreau, einfließen. Was für den einen inspirierend sein mag, kann auf den anderen aber stellenweise eher störend und etwas ausufernd wirken. Und gerade mit Blick auf das Ende der Geschichte hätte man hier dann vielleicht doch etwas Tiefgreifenderes erwartet.
Fazit: Meiner Meinung nach ist „Die Mitternachtsbibliothek“ eine Geschichte mit viel Potenzial, das jedoch nur zum Teil ausgeschöpft wurde (wer das Buch gelesen hat, erkennt möglicherweise die Ironie, die in diesem Satz steckt). Von den unendlich vielen Richtungen, die diese Erzählung hätte einschlagen können, empfand ich den gewählten Weg eher als enttäuschend. Andererseits ist es aber auch eine Geschiche, die durchaus Mut machen kann und niemand kann leugnen sich zwischendurch gefragt zu haben „Was wäre wenn“.
Mirjam Motzer (academicworld.net)
Matt Haig. Die Mitternachtsbibliothek.
20 Euro. Droemer Knaur.