Vom Dealer zum Lokalpolitiker

Winston Forshay, genannt Tuff oder Tuffy, lebt mit Frau, Kind und Freunden in Harlem. Als er sehr knapp dem klischeevollen Tod eines Schwarzen Dealers – der Kugel eines Konkurrenten – entgeht, sortiert er sein Leben neu. Der groß gebaute, waffenscheue Tuff sucht nach Orientierung und findet sie nicht nur in seinem Umfeld, sondern auch in sich selbst. Inez, eine ehemalige Mitarbeiterin von Malcom X, finanziert ihm den Wahlkampf für den Stadtrat. Seine Freunde sind seine Bindung zu seiner Herkunft und der Schwarze Rabbi Spencer begleitet ihn als Journalist. Dass man als Politiker in etwa so viel verdient wie als Drogenhändler rundet das Paket in Tuffs Augen nur noch besser ab …

Der Leseindruck

Tuff von Paul Beatty

Der Ton ist das erste, was den meisten Leser:innen auffallen dürfte. Einige haben ihn beispielsweise auf Instagram direkt abgelehnt: rassistisch, sehr umgangssprachlich. Lasst uns hier kurz reflektieren: Warum fällt es negativ auf? Weil die jungen, Schwarzen Protagonist:innen sich nicht wie die gehobene Mittelschicht Deutschlands ausdrücken? Wäre das denn überhaupt akkurat? Nein. Den Ton eines Buchs über Minderheiten dafür zu kritisieren, dass er nicht dem der Mehrheit entspricht, ist tiefgreifend falsch. Wer als Mehrheits-Angehörige:r divers lesen möchte, muss dafür offen sein, dass Bücher nicht auf deinen persönlichen Geschmack zugeschnitten sind, sondern etwas reflektieren, das einfach mal gar nichts mit dir zu tun hat. Und wer als nicht-Minderheit dieses Buch liest, taucht in diesem Fall ein in Harlem, in dem eben ganz absichtlich nicht-weiße Protagonist:innen sprechen. Das ist eine neue Darstellung für dich? Dann lehn sie nicht wegen ihren ureigenen Eigenarten ab, sondern setz dich hin und hör‘ erst mal zu. Es ist alles wirklich völlig neu für dich, eine ganz neue Welt, wie du sie noch nie gesehen hast? Dann solltest du in Betracht ziehen, dass du extrem wenig divers liest. Das Buch ist final nicht dazu da, dir ein gutes Gefühl über dich selbst zu geben.

Tauchen in dem Buch unter anderem auch Rassismen gegenüber anderen Minderheiten auf? Ja, in der Tat. Das ist mit Sicherheit so gewollt, denn es geht nicht darum, eine Gruppe Schwarzer Jugendlicher in einem gesellschaftlich gestriegelten Roman zu präsentieren. Es geht hier durchaus um Authentizität und genau diesen Rassismus, aber im Speziellen eben diese Gruppe in den Straßen von Harlem.

Nicht zuletzt ist das Buch als Satire gekennzeichnet und soll damit überzogen kritisieren, verspotten und anprangern. Dazu braucht es Ecken und Kanten bei den Personen und den Handlungen. Hineininterpretieren kann man damit vieles. Das Buch ist im Original übrigens schon im Jahr 2000 erschienen, damit stehen unsere Wahrnehmungen heutzutage mit Sicherheit anders, als sie es vor 22 Jahren gewesen wären.

Doch am Ende steht trotz aller Satire die Hoffnung. Am Anfang ist Tuffy jemand, der sich selbst nicht als Politiker sieht – weil die vorwiegend weiße Gesellschaft ihm diesen Eindruck verschafft hat. Er denkt das von sich, was ihm über sich vermittelt wurde und dass es klare Grenzen gibt, die er nicht übertreten kann, ohne das soziale Gefüge ins Wanken zu bringen. Und am Ende ist er Stadtrat und damit immer noch er selbst, aber eben noch mehr er selbst, als er es jemals war. Das heißt nicht, dass jede:r den Weg des Lokalpolitikers gehen muss! Dies ist nach wie vor Satire und Fiktion. Aber so man möchte, nimmt man die Hoffnung und Motivation mit in das eigene Leben, vermeintliche Grenzen zu überschreiten.

Tuff. Paul Beatty.
btb. 12 Euro.

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