“So gütig wie Sören Qvist”

Jütland, 17. Jahrhundert. Ein abgerissener Bettler durchwandert Jütland auf der Suche nach der Gemeinde Aalsö, wo er geboren und aufgewachsen ist. Es hat einen Grund, warum der Mann gerade jetzt auftaucht: Sein Name ist Niels Bruus, er ist der jüngere Bruder eines gewissen Morten Bruus. Letzterer war bis zu seinem Tod maximal unbeliebt in der Gemeinde, aber reich – und Niels will sein Erbe.

Doch mit einem letzten Trick seines hinterlistigen Bruders hat er nicht gerechnet … Niemand glaubt ihm, dass er Niels ist. Denn dieser sei damals von Pastor Sören Qvist ermordet worden (just, als Niels von Morten fortgeschickt wurde …), wofür der Pastor sogar hingerichtet wurde. Würde man ihm also Glauben schenken, dann ist Sören bewusst unschuldig in den Tod gegangen und die Gemeinde hat de facto einen unschuldigen Pastor auf dem Gewissen!

Der Leseeindruck

Sensationell. Wirklich ein kleines Juwel inmitten all der sonderbaren Geschichten, über die man im Buchhandel so stolpern könnte. Leider ist der Klappentext auf der Rückseite wenig informativ, sodass hiermit dieses Buch jedem Leser und jeder Leserin wärmstens ans Herz gelegt sein soll.

Das Buch ist eine auf seltsame Art spannende Gratwanderung zwischen Krimi und Gewissensbetrachtung. Einerseits weiß der Leser nicht wirklich, was “damals” wirklich passiert ist und giert nach einer Auflösung. Denn die Aufstellung der Charaktere bietet viel Anlass zu Spekulationen – der jähzornige Pfarrer, der dümmliche aber doch gewitzte Niels und der verschlagene und doch so normalmenschliche Morten. Hier kann so viel vorgefallen sein, denn die Personen sind relativ komplex. Umso spannender die Auflösung, die hervorragend in das gewählte Setting “Jütland während der Wallenstein-Zeit” passt. Kleiner Funfact: Die Jähzorn-Anfälle, die Pater Qvist ab und an befallen, sind historisch für Wallenstein überliefert. Wer sich etwas in die Materie einlesen möchte, sollte dies aber erst nach der Buchlektüre daran machen.

Dass das Buch ein wenig älteren Datums ist (die Autorin ist leider bereits verstorben), merkt man wirklich nur sehr selten. Was auf jeden Fall ein riesiges Stück Arbeit gewesen sein muss, ist die Übersetzung. Sie geht butterweich von der Hand, beziehungsweise liest sich herrlich poetisch, ohne anstrengend zu wirken. Zum Anderen ist die abgebildete Zeit nun einmal eine Weile her, sodass es zum Gesamtbild passt, wenn die Sprache etwas älter wirkt, der Satzbau kompliziert und die Betrachtungen der Menschen bisweilen sehr simpel und extrem monothematisch geprägt: Dem körperlichen und in reduzierter Form dem geistigen Überleben. Die damalige Gesellschaft wirkt in diesem Buch so fragil, wankelmütig und doch waren es im Endeffekt Menschen wie du und ich. Was also bewegt einen Pater dazu, unschuldig in den Tod zu gehen?

Die Antwort auf diese Frage ist mir persönlich einen Ticken zu gefällig aufgelöst und zu kurz gefasst. Diese konkrete Entwicklung taucht in der Form einer Feststellung auf und ist dann halt so, anstatt sie zu debattieren (was der Klappentext ein wenig suggeriert). Aus heutiger Sicht würde man ein solches Handeln niemals akzeptieren, hofft man zumindest. Das Ende wirft die eine oder andere Frage auf, aber dann konzentriert es sich nicht unbedingt auf Pater Qvist und auch nicht Niels – denn am Ende ist ihre Geschichte bereits vor Jahren im Sande verlaufen, während ein anderes Schicksal erst wirklich Fahrt aufnimmt.

Fazit: Eines der Bücher, die seltsam wirken, eine völlig unübliche Geschichte erzählen und damit ganz wunderbar dem Gehirn neue Reize präsentieren und aus dem Lesetrott holen.

Bettina Riedel (academicworld.net)

Der Mann, der seinem Gewissen folgte. Janet Lewis.
dtv. 22 Euro.

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