Noblesse Oblige

Clara ist eine wohlerzogene spanische Bürgerin im Jahr 1720, doch das Schicksal meinte es in letzter Zeit nicht gut mit ihr. Ihr Vater ist verstorben und damit ihre gesellschaftliche Position geschwächt. Als der Erbe der Familie, ihr unsympathischer Onkel, ihrer Mutter und ihrer Schwester zu nahe rückt, fliehen die Frauen ins Elend. Doch zum Glück hat ihre Mutter Clara beigebracht, wie man in einem adligen Haus die Küche führt.

Mit etwas Glück ergattert sie die Stellung einer Küchenhilfe beim Herzog von Castamar, der nach einer Reihe glücklicher Fügungen auf sie aufmerksam wird. Irgendetwas in ihren Augen lässt ihn nicht mehr los, obwohl er seit 8 Jahren intensiv um seine verstorben Ehefrau Alba trauert. Ein Reitunfall, der sich als Mord entpuppt – und damit Tür und Tor für allerlei Intrigen im spanischen Adel öffnet …

Der Leseeindruck

Es gefällt, dass die Vitae der Personen sich erst Stück für Stück ergeben. Jede von ihnen wird mit eiserner Hand vorgestellt: Die ist Person x, sie wird in diesem Stück Rolle x1 übernehmen und hat dabei die Grundeinstellung x2. Woher quasi die Motivation der jeweilen Person kommt, sich genau so zu verhalten, enthüllt der Autor peu à peu. Damit bringt er immer wieder kleine Sequenzen der Abwechslung in seine Geschichte, was am jeweiligen Punkt der Handlung sehr aufschlussreich wirkt.

Doch hier tritt auch das größte Problem ins Licht: Dass die Figuren von den Einstellungen nicht abweichen. Sie haben die Rolle des treuen Freundes oder auch der gestrengen Haushälterin zugewiesen bekommen und erfüllen diese, ohne sich weiterzuentwickeln oder auch nur einen Schritt von dem perfekt geplanten Pfad abzuweichen. Clara, die im Klappentext eindeutig als Hauptperson vorgestellt wird, steht halt den ganzen Tag in der Küche und kocht. Sie bringt weder Witz noch Charme noch Spannung in die Handlung. Das müssen andere für sie übernehmen, weswegen ihr Anteil an der Geschichte merklich schrumpft und das zugunsten der überzogen klassisch konstruierten Bösewichte. Könnte quasi spannend sein, wenn sie nicht so Schema F-mäßig aufgebaut worden wären und lenkt ab von der Romanze, die eigentlich im Mittelpunkt stehen sollte.

Insgesamt wirkt es wie ein Theaterstück für den Nachmittagskaffee samt gesellschaftlichem Klatsch, bei dem aber alle schön brav die Hand vor den Mund halten und stille Post spielen. Da kommen weder romantische Gefühle noch Hunger auf, denn der gute Herzog von Castamar steht anscheinend auf Widderhirn. Das mag historischer Kontext sein und völligst akkurat, trägt jetzt aber nicht unbedingt zur gewünschten Romantisierung seiner Figur bei.

Die Aufmerksamkeit gegenüber Details ist positiv hervorzuheben, der Schreibstil ist sehr detailliert und leicht blumig, ohne künstlich episch zu wirken.

Ein Buch also mit wenig Handlung, starren Charakteren und vorhersehbaren Entwicklungen, das als leichte Sommerlektüre dienen mag, aber nicht zu fesseln weiß.

Die Köchin von Castamar, Band 1 von 2.
C. Bertelsmann. Fernando Múñez.

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