Mauern haben keine Daseinsberechtigung

Man sieht sich, verliebt sich, geht aufeinander zu und baut sein gemeinsames Leben auf. So simpel ist es in der Regel, doch vor ein paar Jahrzehnten war das in Deutschland, beziehungsweise Europa mit dem Eisernen Vorhang gar nicht so einfach.

Der junge schwedische Student Hans Christian ist auf Reisen und trifft in einem Zug die DDR-Bürgerin Isolde. Auf Anhieb sind sie sich sympathisch, aber so richtig fliegen die Funken nocht nicht, doch damals verheilt man sich anscheinend anders als heute: Man kann es sich fast nicht vorstellen – anstatt im Zug nach Genf weiter zu fahren, macht HC den Umweg über Budapest. Nur, um Isolde dort quasi um ein Date zu bitten. Solche Gesten gibt es heutzutage doch gar nicht mehr, oder? Es kommt, wie es kommen muss: Sie verlieben sich natürlich, doch so sehr sie sich zueinander hingezogen fühlen, so unvorstellbar ist es, dass beide in der DDR leben. Flucht – die einzige Lösung.

Doch diese Lösung könnte ganz schnell zum Ende der Beziehung führen, sei es durch Einkerkerung oder den Tod, der so viele Flüchtlinge bereits ereilt hat.

An sich ist es wirklich erstaunlich, welchen Weg das Paar gegangen ist, denn sie bauen ihre Liebe aktiv und gegen alle Widerstände auf. Das ist ein Aspekt, der immer wieder auftaucht: Trotz der Zweifel, trotz der Widrigkeiten in Form von Trennung von der Familie, ein wahrscheinlicher Tod, politische Inhaftierung – das alles muss im Hintergrund massiv auf die Gemütslage schlagen und noch stärkere Zweifel säen. Heutzutage geben die meisten schon auf, wenn der Wind ihnen zu viel Staub auf die Nasenspitze pustet. Deprimierend und inspirierend zugleich!

Umso überraschender wirkt es daher, dass dieser Fluchtbericht genau das ist – ein Bericht mit vergleichweise wenig Emotionen. Ja, es gibt große Gesten, aber zwischen den Zeilen merkt man wenig von Todesängsten, Hoffnung, Freud und Leid. Weil es so lange her ist? Weil die Erinnerung manchmal trügt? Weil es einfach nicht die Art der Autoren ist, sich emotional in die Karten blicken zu lassen? Es bleibt unklar. Ein sehr schönes Gimmick sind die abgedruckten Originaldokumente, die von Fotos bis Landkarten und Kritzeleien reichen. So wird die erzählte Geschichte noch einmal eine ganze Nuance realistischer und erlebbarer.

Sehr interessant, durchaus persönlich, aber nicht so recht die Romanze zwischen politischen Grenzen, die man sich als Leser möglicherweise erwartet – das aber ist eine äußerst subjektive Einschätzung!

Mauerflieger. Knaur.
Isolde und Hans Christian Cars. 18 Euro.

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