Manche Fälle brauchen Jahre

2013: Albin Runge ist ein wirklich schwermütiger Mann: Schlacksig, hochgewachsen und leider ein Busfahrer mit Unfallgeschichte – 18 Jugendliche starben vor 5 Jahren, er am Steuer. An sich unschuldig in Sachen Unfallhergang kann er trotzdem eine gewisse Schuld emotional nicht von sich weisen und versinkt in einem sozial reduzierten Dasein. Bis er Karin kennenlernt, seine zweite Frau. Ihr Leben verläuft ruhig, bis von “Nemesis” gezeichnete Nachrichten per Post eintrudeln, die Albins Leben bedrohen. Ein Zusammenhang mit dem Busunglück scheint naheliegend …

2018: Als Eva Backmann, Lebensgefährtin des Ermittlers Gunnar Barbarotti, im Dienst einen Jugendlichen erschießt, nehmen sie und Barbarotti sich eine Auszeit in der entlegenen Gegend Gotlands. Dort wollen sie zur Ruhe kommen, sich für einen Neuanfang sammeln. Doch in einem langhaarigen, bärtigen Radfahrer meint Barbarotti den mittlerweile totgeglaubten Albin Runge wiederzuerkennen. Sie lassen sich die Akten schicken und steigen erneut in diesen höchst seltsamen Fall ein …

Kunstvolle Erzählungsweise 

Ein Schwedenkrimi par excellence! Hakan Nesser hat eine sehr eloquente Erzählweise, die bisweilen zarte Poesieblüten treibt, ohne das Feeling für die harsche Umgebung Gotlands zu verlieren. Hier und da finden sich humorvolle Anmerkungen, die man als Schlitzohr-Humor des Autos deuten könnte. Sie passen sich perfekt in die Handlung und erzählerische Umgebung ein.

Davon abgesehen hat Hakan Nesser einen Krimiroman entwickelt, der bemerkenswert simpel strukturiert ist: Ein Fall ohne Leiche, viel zeit dazwischen, eine kleine Auftakthandlung und konstante Ermittlerrollen. So kommt man nach wenigen Seiten direkt in der Geschichte an und kann sich der Handlung anheim geben, ohne sich groß mit Hintergrunderklärungen aufhalten zu müssen. Was genau damals passiert ist, enthüllt sich übrigens nicht nur für den Leser Seite für Seite, sondern final auch für das Ermittlerpaar. Die damaligen Vermutungen erweisen sich, das ist kein Spoiler, als völlig an den Haaren herbeigezogen und so gibt es einige überraschende Erklärungen. Der Spannungsaufbau erfolgt absolut subtil, mit Kritik an der Gesellschaft hält Barbarotti sich nicht zurück. So ganz ohne Ecken und Kanten ist er also nicht, der ältere Mann, der mit Gott redet – der im Übrigen antwortet.

Auch für Neulinge, die nich nie etwas von Hakan Nesser gelesen haben, ist dieses Buch ein gefundenes Fressen, denn man braucht keinerlei Vorbildung, um diesen Fall als alleinstehendes Buch zu lesen. Cliffhanger gibt es auch keine, sodass man keine Reihe daraus machen muss, so man es nicht möchte.

Ein Buch, as man am besten auf der Couch, mit Decke und einem Heißgetränk der Wahl an einem ruhigen Wochenende vollständig durchliest und genießen kann. Ein echtes Herbstbuch 2020, es verströmt das Feeling nach dicken Socken, Karo-Schals und grauem, stürmischen Wetter.

Hakan Nesser. Barbarotti und der schwermütige Busfahrer.
btb Verlag. 22 Euro.

Share.