Gesellschaftlicher Beton

Als die Nacht uns Sterne schenkte von Iona Grey

1936 – Alice ist ein zehnjähriges Mädchen, die bei einer lieblosen Großmutter abgestellt wurde, damit ihre Eltern auf eine Reise nach Burma gehen können. Mit ihrer Mama Selina ist sie innig verbunden und so entspinnt sich ein reger Briefwechsel, der Alice im Haus der Großmutter in die Vergangenheit ihrer Mama entführt – und die Leser:innen gleich mit, die eine Liebesgeschichte zwischen dem Socialite Selina und dem Künstler Lawrence entdecken. Inmitten der Roaring Twenties und unter dem Schatten des “Großen Krieges” entwickeln sich zarte Gefühle, die einen Sommer voller Sterne in sich bergen, der aber nicht ohne schwere Konsequenzen bleiben wird …

Unklare Erzählperspektive

Erzählt wird aus der Perspektive von Alice, die – wie sich schnell herausstellt – die gemeinsame Tochter von Lawrence und Selina ist. Es muss also eine Beziehung gegeben haben, bevor Selina sich doch zu Rupert in die Kirche gesellt hat. Was die Mutter als Schnitzeljagd organisiert, während sie auf einer strapaziösen Reise ist (!), entpuppt sich also als Reise von Alice Richtung Wahrheit über ihren biologischen Vater. Allerdings nur für den Leser, denn Alice findet Rätsel und Gegenstände, zu denen die Autorin das damalige Leben Selinas aufleben lässt – aber Alice kann ja nichts davon wissen. Insofern ist die gewählte Struktur über den gemeinsamen Nachwuchs des Liebespaares etwas ungeschickt, weil zur Hälfte redundant.

Einen Hauch zu plakativ

Trotz aller Sorgfalt in der Tonalität bleibt es eine Geschichte, die allen Klischees folgt und damit der Handlung keinen Funken hinzufügt. Zudem tauchen immer wieder Längen auf, was sich gut an folgendem Beispiel illustrieren lässt: Bis das Liebespaar, um das es sich in diesem Buch hauptsächlich drehen soll, sich zum zweiten Mal sieht, sind wir auf Seite 165. Das vermag kein Erzählcharme dieser Welt zu korrigieren. Zudem wird die Geschichte dann zunehmend von anderen Personen beleuchtet, die ganz wunderbar ihrer Charakterdefinition folgen und sich eider nicht weiterentwickeln.

Als Statist haben sie als Perspektiv-Geber damit aber wenig beizutragen und so entfaltet sich allmählich eine charmante Erzählung, die aber wenig Spannung oder Faszination zu bieten hat. Da reicht es nicht, Bezug auf die Bright Young People zu nehmen, um das damalige Lebensgefühl auferstehen zu lassen. Der Konflikt der Beziehung aus reich/arm bietet einen netten Ansatz, aber reicht nicht aus, um eine Art skandalöse Faszination zu kreieren, denn Selina ist und bleibt sehr normal, was die Diskrepanz zu Lawrence verringert und damit die Wahrnehmung des Konflikts bei der Leserschaft.

Iona Grey. Als die Nacht uns Sterne schenkte.
blanvalet. 10 Euro.

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