Einsamer Büchermensch

Carl Kollhoff ist Buchhändler der besonderen Art. Obwohl er eigentlich längst seine Rente genießen sollte, kann er weder den Büchern noch seinen Kunden Lebewohl sagen und trägt jeden Tag nach Ladenschluss in einem robusten Militärrucksack Lieferungen an eine Handvoll ganz spezielle Kunden aus. Den Empfängern seiner liebevoll gepackten Buchpakete gibt er insgeheim die Namen von Romanfiguren, die er allgemein besser versteht als echte Menschen. Carl kennt jeden Pflasterstein auf seiner Route, bewegt sich niemals abseits der Wege, die er seit Jahrzehnten beschreitet. Seine Welt ist wunderschön malerisch und idyllisch, aber auch eng begrenzt und etwas einsam. Bis eines Tages ein neunjähriges Mädchen beschließt, Carls Alltag auf den Kopf zu stellen.

Schascha mit dem gelben Regenmantel und der Fliegerbrille ist fest entschlossen, Carl von nun an auf seiner täglichen Route zu begleiten – so sehr der sich auch dagegen sträubt. Mit kindlicher Neugierde, einer messerscharfen Auffassungsgabe und einer Weisheit, die ihrem Alter voraus ist, schafft Schascha es nicht nur, Carls Leben zu verändern, sondern auch das von Karls Kunden. Diese haben allesamt mit ihren ganz persönlichen Problemen zu kämpfen und ahnen noch nicht, dass die Lösung vielleicht näher liegt, als sie denken.

Die Geschichte folgt durchgehend ihrem Protagonisten Carl, dessen Gefühle und Motivationen zwar selten explizit beschrieben werden, aber dennoch nicht nur nachvollziehbar, sondern auch sehr echt wirken. Die Vorfreude auf die Besuche bei seinen Kunden, die im Grunde sein einziger Kontakt zu der realen Welt außerhalb seiner Bücher sind, ist ebenso greifbar wie seine Angst, ihnen zu nahe zu kommen und seine Distanz zu verlieren. Man fühlt mit ihm, als er seinen einzigen Vertrauten verliert oder als die neue Chefin droht, die Bücherlieferungen, seinen Lebensinhalt, einzustellen. Gleichzeitig möchte man ihn schütteln, wenn er die Person abweist, die ihn aus seinem Trott und der Einsamkeit befreien kann.

Auch die zahlreichen Nebencharaktere sind allesamt einzigartige Figuren mit individuellen Hintergrundgeschichten. An ihren Schicksalen nimmt man als Leser Anteil, in einigen erkennt man sich vielleicht selbst wieder. Allerdings bleiben die meisten von ihnen oberflächlich und überzeichnet, wirken mehr wie Comicfiguren als echte Menschen. Das gilt auch für Schascha, die in all ihrer Pfiffig- und Liebenswürdigkeit direkt einem Kinderbuch entsprungen sein könnte.

Diesen Eindruck verstärkt auch der Schreibstil von Carsten Henn, der eine Wärme, Geborgenheit und Nostalgie ausstrahlt, wie man sie sonst eher aus den Lieblingsklassikern der Kindheit kennt. Die Ausdrucksweise seiner Figuren ist eigentlich zu schön und ein bisschen zu altmodisch, um realistisch zu sein, doch vor allem dem Buchliebhaber Carl nimmt man sie irgendwie ab. Diesen Stil muss man natürlich mögen, aber er passt zu diesem Buch, das eine Ode an Bücher selbst ist, und macht seinen ganz eigenen, charmanten Ton aus.

Überraschend sind einige etwas düstere Wendungen gegen Ende der Geschichte, die dann doch nicht mehr ganz so kinderbuchmäßig wirken. Diese treffen den Leser besonders, weil sie real scheinen – gerade im Gegensatz zum sonst sehr märchenhaften Auftreten des Buches, welches uns aber dankenswerterweise schnell ein Happy End beschert.

Fazit

„Der Buchspazierer“ ist ein wenig zu schön, um wahr zu sein, und spaziert dadurch manchmal sehr nah an der Grenze zum Kitsch. Wer sich an liebevoller Schönmalerei und einem Friede-Freude-Eierkuchen-Schluss allerdings nicht stört, der wird auch an diesem Buch seine Freude haben. „Der Buchspazierer“ ist Leseratten aller Altersgruppen zu empfehlen, die daran glauben, dass das richtige Buch (oder der richtige Buchclub) Leben verändern kann; die sich auch schon immer gefragt haben, welche Romanfigur ihnen am ehesten entspricht, oder finden, dass „Hund“ der perfekte Name für eine Katze ist. All diese finden in „Der Buchspazierer“ die perfekte Lektüre, um es sich an einem kalten Herbstnachmittag mit Kuschelsocken und einer heißen Schokolade im Bett gemütlich zu machen.

Svenja Uhl (acadmicworld.net)

Der Buchspazierer. Carsten Henn.
Piper. 14 Euro.

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