Eine Familie auf der Flucht

Die aktuell 11-jährige Nour ist in den USA geboren und zusammen mit ihren beiden Schwestern in Manhattan aufgewachsen. Nach dem Tod des Vaters möchte ihre Mutter wieder nach Hause zurückziehen und dort weiterhin ihren Beruf ausüben – Landkarten malen. In Syrien angekommen, gehen im Jahr 2011 die ersten Schwierigkeiten direkt los. Mal fällt der Strom aus, mal geht das Wasser zu Neige. Die Entwicklungen nehmen immer mehr Fahrt auf: Erst holt der Krieg sie in Homs ein – und Tod und Gewalt ab da auf jeder der internationalen Etappen der spontanen Flucht, die die Familie auch noch auseinander reißen wird.

Der Leseeindruck

Der Autor Zeyn Joukhadar selbst ist in den USA geboren und lebt dort noch – es handelt sich bei diesem Buch also nicht um eine Art Tatsachenbericht. Was dieses Buch so grandios macht, ist folgendes: Der Autor etabliert Personen, Gefühle, Zukunftsträume und die Gegenwart, bis man als Leser sich richtig gut angekommen fühlt. Dann verändert er diese Gegenwart stückweise. Innerhalb dieser sich verändernder Rahmenbedingungen lässt er seine Figuren sozusagen mitlaufen – und erklärt damit auf nebensächlicher Art, wie Menschen zu Flüchtlingen werden.

Schritt für Schritt gehen Sie durch ihr Leben, anfangs noch geschockt und umgeben von den Scherben ihrer Existenz. Daraus etwas Neues aufzubauen ist schlicht unmöglich, der Krieg ist gerade erst gestartet. Also machen sie sich auf den Weg, erst einmal irgendwohin, Hauptsache der Weg führt zu Sicherheit. Doch diese ist ein höchst seltenes Gut, das wir in unserem Alltag genießen und die Protagonisten dieses Buchs nicht nur teuer erkaufen müssen, sondern manchmal schlichtweg gar nicht erreichen können. Diese Widrigkeiten müssen die menschliche Seele zwangsläufig verändern, weil sie so viele innerliche Grenzen aufbrechen… Dabei geht es in der Geschichte nicht darum, Mitleid für Flüchtlinge zu wecken. Stattdessen erhält man einen Einblick in eine realistische Erzählung, in der Menschen einfach keine Wahl mehr haben.

Noch dazu verwebt der Autor die gegenwärtige Handlung mit einer parallelen Geschichte aus dem fantastischen Bereich, was die Komplexität leicht anhebt und für noch mehr Tiefe und Facetten sorgt. Diese Protagonistin hat gewisse Ähnlichkeiten mit Nour und beide Geschichten entwickeln sich recht ähnlich. Da es auch Nour ist, die sich selbst dieses Märchen erzählt, ist es außerdem ein weiterer Einblick in die Gedankenwelt eines jungen Mädchens, die wie “wir” aufgewachsen ist und sich trotzdem auf der anderen Seite der Gewalt wiederfindet.

Ein rundum perfekt geschliffener Text!

Zeyn Joukhadar. Die Karte der zerbrochenen Träume.
Heyne Encore. 22 Euro.

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