Ein Schlüssel, sie alle zu befreien?

Dies ist der Auftakt einer dreiteiligen Reihe. Sancia ist eine super begabte Diebin: Sie kann Gegenstände lesen, die ihr die Geschichte ihrer Existenz und besondere Eigenschaften in Fragmenten gedanklich übermitteln. Damit ist sie die ideale Einbrecherin, denn Tresore lassen sich so spielend knacken und die Steine ihrer Fluchtwege verraten ihr, wer auf ihnen steht & geht. Ihr aktueller Diebes-Auftrag wird aber so gut entlohnt, dass daran einfach etwas stinken muss und sie behält recht: Entgegen ihrer sonstigen Gewohnheiten schaut sie sich ihre Beute genauer an und sie entdeckt, dass sie den Schlüssel aller Schlüssel gestohlen hat – namens Clef, denn er hat ein eigenes Bewusstsein. Er bekommt jedes Schloss auf und ist so mächtig, da er mit einer ganz besonderen Magie aus uralter Zeit versehen wurde. Diese Magie ist es, wegen der Sancia nun erbarmungslos gejagt wird, denn ihre Anwendung könnte ganze Welten verändern und absolute Macht verleihen …

Der Einstieg

Der Start ist sowohl in medias res als auch etwas langatmig: Sancia ist gerade dabei, besagten Schlüssel zu stehlen, doch das wird so detailreich und umfassend beschrieben, dass es knapp 100 Seiten dauert, bis alles startklar ist. Andererseits haben die Leser.innen so direkt die Chance, das Magiekonstrukt dieser Welt gut kennenzulernen: Eine Art sympathetische Verbindung dank Sigillen, die auf Gegenständen eingeritzt werden. Das ist wichtig, denn es könnte in dieser Geschichte ein wichtigeres, stärkeres Konzept geben, weswegen unsere Heldin zur Gejagten wird. Dennoch hätte gefühlt nicht jedes Holzbrett beschrieben werden müssen, an dem Sancia sich entlanghangelt.

Ausgeklügeltes Konzept

Was dagegen absolut richtig dosiert ist, sind die Erklärungen rund um die Hintergründe dieser Welt: Mittelalterlich, reiche Handelshäuser (Mafia-Style), arme Bevölkerung und vor allem die Wirkweise der Skriben und der “magischen Kultur” rundherum. Dass alles auf wirtschaftlichen und Machtinteressen hinausläuft, macht das Konzept sehr greifbar und nicht zu abgefahren. Bewundernswert ist, wie gut all diese Zacken des Räderwerks ineinander greifen. Exzellentes World Building!

Wettlauf um “der sympathischste Charakter”

Während Sancia recht schnell als dauerfluchende Diebin gejagt wird, läuft ihr klammheimlich ein scheinbarer Gegner den Rang des sympathischsten Charakters ab: Ein ruhiger, selbstbewusster Hauptmann, der für Gerechtigkeit steht, aus Überzeugung für das Gute handelt und dabei auf derart feinsinnige Art zynisch, unwiderstehlich gut gelaunt und sarkastisch ist, dass man sich als Leser:in fast ein wenig verlieben könnte. Aber nur fast, man crusht ja nicht auf fiktive Personen, riiiichtig?

Gedanklich tiefer Plott

Das Ganze wird vervollständig durch eine ethische Tiefe, die man selten findet. Denn so wie Sancia durch Skriben verändert ist, könnte man jede Veränderung am “natürlichen” Mensch sehen: Genmanipulation bis hin zum Cyborg. Der Autor findet hier eine starke und ehrliche Position, die die Leser zur Reflektion animieren sollten. Die dahintersteckende Logik lässt sich dann noch auf so viele Lebensbereiche erstrecken, dass aus einer mittelalterlichen Fantasygeschichte eine Skizze der aktuellen Gesellschaft wird. Das allein ist schon Aussage genug.

Der Schlüssel der Magie (Band 1 von 3). Robert Bennett.
blanvalet. 15 Euro.

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