Die erste Sprache als Schlüssel der Macht

Likah lebt mit von ihr adoptierten Zwillingen auf der Straße und hat einen Plan: Einen letzten Raubüberfall durchführen und sich dann friedlich in einer netten Stadt niederlassen. Doch der Überfall geht schief, jemand wird schlimm verletzt und Likah landet vor Gericht. Sie kann die Kinder gerade noch vor einem bösen Schicksal retten, doch dafür muss sie sich selbst opfern. In letzter Sekunde tritt Arkin auf die Bühne: Er rettet Likah nicht nur vor dem Tod, sondern nimmt sie als seine Schülerin auf. Das bedeutet nichts anderes, als dass Likah die nächste Anführerin von Arkins Reich werden und nach der Ausbildung an seine Stelle treten soll. Das klingt nicht nur zu schön, um wahr zu sein: Im Hintergrund brauen sich dunkle Mächte zusammen, die irgendwie mit Likah in Verbindung stehen und kurz davor stehen, die gesamte bekannte Welt in den Abgrund zu stürzen …

Der Leseeindruck

Es dauert relativ lange, bis man etwas über Likah an sich erfährt. Die Faktoren „liebt die Zwillinge“ und „wurde von den Eltern verstoßen“ reicht am Anfang für den ersten Einstieg, aber nicht über mehr als hundert Seiten. Natürlich muss ein Charakter definitiv nicht immer die klügste und beste Entscheidung treffen – als Likah beispielsweise die Kinder zu einem bewaffneten Raubüberfall mitnimmt, war das nicht der Hit. Inhaltlich aber wird es begründet und es hat die Geschichte vorangebracht. In Summe jedoch bleibt sie Hauptfigur als Spannungsfaktor etwas zu blass. Damit blieb sie für mich über eine weite Strecke schlecht greifbar, was meinen emotionale Anteilnahme an ihrem Schicksal ziemlich herausgefordert hat.

Die Sprache ist der zweite Kritikpunkt. Das Buch lädt zum querlesen ein, weil es super detailliert ist. Das kann die oder den richtige:n Leser:in finden oder eben nicht, das muss jede:r für sich entscheiden. Jedoch fehlen andere Spannungsbögen und damit wirkten diese vielen Details zu überbordend, zu ablenkend von der eigentlichen Handlung. Zudem stehen immer wieder Fragen im Raum, die unzulänglich oder nach diesem subjektiven Geschmack zu spät beantwortet wurden. Dazu gehört die Frage, warum ausgerechnet Likah quasi Trainee für die Führung eines ganzen Reichs ausgewählt wurde, obwohl sie kurz davor war, als Diebin und für Körperverletzung verurteilt zu werden. Und dass es ein offensichtliches Element gab, das sie zu etwas Besonderem gemacht hat – in der Öffentlichkeit demonstriert, aber niemand außer Arkin schien es aufgefallen zu sein. Dass es einen besonderen Bösewicht in der Geschichte gibt, ist auch kurz vor der Hälfte des Buchs klar und auch die Identität ist glasklar. Insgesamt fehlte ein Element, das fesselt und für das entscheidende Quäntchen Spannung sorgt.

Diese zwei Punkte sind sehr sehr schade, denn das Potenzial ist da: Nicht nur in der Geschichte, sondern vor allem bei der Autorin. Die im übrigen als nächstes eher science fiction auf den Markt bringt – definitiv ein spannender Wandel!

Lucinda Flynn. Die Erbin des Windes.
Knaur. 14,99 Euro.

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