Der einzig wahre Lone Wolf?

Entgegen seiner Gewohnheiten ist er mit einem Ziel unterwegs: Jack Reacher. Doch da fällt sein Blick auf ein Ortsschild mit der Aufschrift „Laconia, New Hampshire“ – der Ort, an dem angeblich sein Vater geboren und aufgewachsen ist. Eine kurze Stippvisite samt Ahnenforschung entpuppt sich als etwas komplizierter, weil er direkt zwei unterschiedlichen Lokalmatadoren auf die Füße tritt. Ländlich, wie die Gegend ist, evolviert der Zwist direkt in einen Kräftevergleich; noch dazu bringt er Reacher in die Nähe eines Motels, das ein sehr modernes Zimmer 10 hat. In diesem Zimmer hält sich gegenwärtig ein Pärchen auf, das offenbar etwas Dubioses zu verkaufen hat und sich doch in einer Opferrolle befindet – ihr Aufenthalt wurde unfreiwillig verlängert …

Persönlicher Spannungsbogen

Von Anfang an fährt der Autor zweigleisig: Jacks Geschichte sowie die des Pärchens, die sich erst ab der Mitte miteinander verweben. Damit man dennoch die wichtige Vorgeschichte verstehen kann, baut Lee Child gleich von Anfang an zwei verschiedene Spannungsbögen auf. Dass es dieses Mal für Jack persönlich wird, sorgt bei eingefleischten Fans sowieso für Spannung: Wir wissen, dass sein Vater bei den Marines war, doch warum schon mit 17 Jahren? Über seine Großeltern ist nichts bekannt, er ist der personifizierte Lone Wolf. Umso spannender könnte es sein, etwas Persönliches, allerweltliches wie eine Familie mit Cousins & Co von ihm zu entdecken, zumal sein Bruder und der Vater bereits verstorben sind. Mehr darf an dieser Stelle bereits nicht mehr verraten werden.

Der zweite Handlungsstrang

Zeitgleich fragt man sich, was es mit dem Motel auf sich hat. Die Vorgänge dort sind sehr kryptisch, ein Geschäftsmodell scheint dahinter zu stehen – und wie wir wissen, funktionieren die schlimmsten Verbrechen mit Business-Logik. Die Erwartungen der Perversität steigen mit jeder Seite und damit ist auch dieser Spannungsbogen perfekt abgerundet. Einzig sind die Dialoge rund um das Motel anfänglich sehr ausdauernd, sehr erklärend, hier ein paar Seiten zu überspringen wäre durchaus möglich, ohne etwas Wichtiges zu verpassen.

Weniger Pathos als sonst

Was dieses Mal sehr auffällt, ist die Abwesenheit von Pathos. Das ist auffällig, weil Lee Child mit Jack Reacher einen zutiefst amerikanischen Helden geschaffen hat. Es gibt einen, maximal zwei kurze Momente, in denen typischer US-Nationalpathos durchschimmert, ansonsten so gut wie nichts. Das tut der Geschichte enorm gut, denn Helden sollten von sich aus heldenhaft sein und nicht, weil sie die Nationalstolz-Kriterien erfüllen. Natürlich versucht der Autor (völlig zurecht), Neueinsteigern in die Reihe alle wesentlichen Informationen an die Hand zu geben, ohne langjährige Leser:innen zu langweilen.

… ansonsten aber typisch „Reacher“

Daher fällt es auch auf, dass dieses Mal nicht alle Nasen lang betont wird, wie Jack Reacher aussieht und typischerweise denkt. Er ist emotional echt wenig greifbar, agiert rational und zukunftsorientiert. Er liest und kennt Menschen, danach und nach seinem Moralkompass richtet er seine Handlung aus. Das wird kommuniziert oder implizit klar und gut ists – die Handlung nimmt die Leserschaft genug in Anspruch und davon soll ja auch nicht abgelenkt werden.

Das Fazit

Rein theoretisch mag man das Buch auch einzeln lesen können. Aufgrund es persönlichen Fokus dürfte es aber vor allem für Fans und Kenner der Reihe interessant sein – für die ist es der perfekte lockere Sommerthriller.

Lee Child. Der Spezialist – Band 23, ein Jack Reacher-Roman.
blanvalet. 22 Euro.

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