Blutige Fantasiegebilde

Peter Pan reist nach Andernorts, verspricht auf der Straße lebenden Jungs ein Leben voller Spiele, Abenteuer, Raufereien und Piraten – und dann bringt er sie nach Nimmerland. Dort sterben die meisten Jungs einen blutigen und brutalen Tod. Peter juckt das alles nicht, für ihn sind sie nur Kollateralschaden für sein magisch verlängertes Leben. Es ist sein bester Freund Jamie, der sich um die Kids kümmert und ihnen das Überleben auf der wilden Insel beibringt. Er ist der erste Junge, den Peter jemals mitgebracht hat und nimmt eine besondere Rolle in dem perfiden Psycho-Spiel ein: Er ist derjenige, auf dessen Rücken Peter das ganze blutige Spiel austragen lässt. Nach über hundert Jahren steht Jamie kurz davor, alles wegen seines vermeintlich besten Freundes zu verlieren …

Der erste Eindruck

Im Gegensatz zu den drei bisher erschienenen Alice im Wunderland-Büchern geht es hier nicht um eine Neuerzählung, sondern ein allein stehendes, ausformuliertes Prequel: Wie wurde Captain Hook eigentlich Captain Hook? Wie wurde aus der Freund- eine tiefgehende Feindschaft? Hier geht es um Jamie und leider ist es ja so, dass der Klappentext es direkt verrät: Aus Jamie, dem besten Freund von Peter, wird Captain Hook. Das wird aus der eigentlichen Handlung lange nicht deutlich und vielleicht hätte man das als kleines Geheimnis mit wirklich wunderbarem Aha-Effekt behalten können.

Kritisch hinterfragen macht erwachsen

Wunderbar dagegen ist, wie das Buch das Kernthema des Originals aufgreift: Das Erwachsenwerden. Denn wer einmal kurz über die klassische Peter Pan-Story nachgedacht hat, weiß – die Hauptperson ist Wendy und ihre Geschichte wird erzählt, damit junge Mädchen das Erwachsen werden begreifen, ihre Spielsachen weglegen und sich zu ernsthaften jungen Damen entwickeln.

Dieses Mal geht es nicht um Wendy, die sich der Gesellschaft anpassen muss und die Fantasterei aufgeben – es geht um einen Jungen, der sich von seinem besten Freund abkapselt. Statt einen bunten Teil von sich selbst aufzugeben, muss Jamie aus eigenem Antrieb den Absprung aus dem Missbrauch schaffen: Die Freundschaft ist psychologischer Missbrauch in Reinform und die Gleichgültigkeit, mit der Jamie Kehlen aufschlitzt und Hände abhackt, ist mindestens genauso erschreckend für die Manipulation. Dass dies alles zwischen Kindern stattfindet, setzt dem Ganzen die blutige Krone auf.

Die Weise, wie die Autorin die Leser:innen durch die Geschichte führt, ist immer sehr kleinteilig in der Betrachtung: Es geht einzig um den Wandel der Freund- zur Feindschaft und für ein ganzes Buch ist das etwas wenig, um wirklich Handlung reinzubringen. Die Hintergründe zu den Feen und anderen magischen Wesen, woher die Insel kommt, wer sie erschaffen hat, was es alles noch so dort gibt – wieso hat’s da Piraten? – wären super spannende Ergänzungen gewesen. Alas, sie werden einfach in ihrer Existenz vorausgesetzt und bleiben am Rand. Schade.

Das Fazit

Mit Alice hatte die Reihe einen bockstarken Auftakt, der mit Peter Pan eine etwas schwächere Fortsetzung hat.

Christina Henry. Peter Pan – Albtraum im Nimmerland.
18 Euro. Penhaligon.

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