Zwischen Mord und Mythen

In einer kalten Januarnacht wird der dänische Generalsekretär des Roten Kreuzes ermordet. Der Mordfall ist wohl einer der Bestialischsten, den die Ermittler gesehen haben, denn der Tote hängt gekreuzigt an einem Geländer und ein eingeritztes, mysteriöses Zeichen ziert seinen Bauch. Der Fall wird schnell publik und die Ermittler müssen unter den wachsamen Augen der Presse sowie der Politik den Mordfall lösen.

Zur gleichen Zeit steckt die Polizeihistorikerin Maria Just in den Vorbereitungen für eine Ausstellung mit dem Thema „100 Jahre ungelöste Mordfälle“. Bei ihrer Recherche nach dem „perfekten“ Mordfall, der jede Dekade repräsentiert werden soll, stößt die junge Frau auf einen fünfzig Jahre zurückliegenden Fall, in dem das gleiche rätselhafte Symbol eine Rolle spielt. Durch ihre Neugierde angetrieben begibt sich Maria selbst auf Spurensuche. Als dann auch ein Mord in ihrem näheren Umfeld passiert, steckt Maria tiefer in der Sache drinnen als gedacht. Dennoch kann sie das Thema nicht ruhen lassen und bringt ein düsteres Kapitel der dänischen Geschichte ans Licht. Ist es nun aber zu spät, den Mörder zu stoppen?

Der erste Eindruck 

Der Kriminalroman hat keinen einzelnen Protagonisten, welcher über die Ermittlungen des Mordfalls berichtet, sondern gibt viele verschiedene Blickwinkel frei. Häufig blickt man durch die Augen von Maria Just oder den beiden Ermittlern Mikael und Frederik. Hierbei erfährt man nicht nur die Last, welche sie sich durch den aktuellen Mordfall auf die Schultern hieven, sondern auch einiges über die schwierigen privaten Situationen. Dies nimmt etwas die Steife aus den Ermittlungen und verleiht jedem einen besonderen, teils liebenswürdigen Charakter. Schließlich kann sich jede:r mit einer tragischen Liebesgeschichte, Familiendrama und Angststörungen – mehr oder weniger – identifizieren.

Der Prolog steigt mit den Mythen, welche die Älteren den Kindern erzählen, ein. Doch über die Generationen hinweg nimmt der Glaube an diese düsteren Erzählungen ab. Ein wirklich spannender Einstieg! Doch da zuerst ein rechtsradikales Tatmotiv und Symbolik im Raum stehen, wird der Bezug zum Mythischen etwas nach hinten geschoben. Erst mit dem wahren Tatmotiv und der Bedeutung des Zeichens, kann dieser kleine, spannende Funke wieder entfacht werden.

Schockierende Tatmotive 

Da die Ermittler, wie auch Maria lange im Dunkel tappen, was das Symbol betrifft, muss die Polizei auf das Volk hoffen. Viele Tipps gehen ein und einer sticht besonders hervor: Das Zeichen soll einen rechtsradikalen Ursprung haben. Gar nicht so abwegig, denn der Ermordete ist Jude. Nach einer etwas schiefgelaufenen Festnahme müssen die Ermittler feststellen, dass das Motiv doch einen ganz anderen Ursprung hat – einen viel emotionaleren, düsteren. Er ist sogar länderübergreifend! Die Reise der Leser:innen geht in das unheimliche Kapitel von Dänemark weiter, welches droht sich zu wiederholen. Die beiden Tatmotive haben eines gemeinsam: Eine radikale Ideologie einer einheitlichen Bevölkerung.

Fazit

Zu Anfang des Buches, keimt der Gedanke „Wer kann den so etwas Grausames machen?“ auf, doch wenn das Tatmotiv klar wird, kann man wohl ein kleines Bisschen Sympathie für den Täter empfinden. Zumindest ging es mir so. Klar, hätte man das auch anders regeln können, dann wäre der Kriminalroman aber auch nur halb so spannend.

Darüber hinaus ist es faszinierend, den Mordermittlungen zu folgen, welche nicht nur durch die Polizei, sondern auch durch Maria aufgenommen werden. Wie es sein muss, arbeiten die drei auch zusammen, trotzdem macht Maria gerne Alleingänge. Vielleicht etwas naiv von ihr, aber trotzdem fesselnd. Die unerwarteten Plottwists, welche vor allem durch dieses Vorgehen entstehen, sind wirklich großartig.

Für mich ist „Gefrorenes Herz“ jetzt schon ein Lesehighlight 2022!

Lisa Albrecht (academicworld.net)

Line Holm & Stine Bolther. Gefrorenes Herz.
Heyne. 15,00 Euro.

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