Eine Kleinstadt im Griff der Mafia

Aus der Jack Reacher-Reihe sind schon einige Besprechungen bei uns erschienen – sieh dich gerne hier um, wenn du neu bist 🙂 Die Reihe selbst ist bereits sehr umfangreich. Man kann zwischendrin einsteigen, aber ab und an kommen doch Referenzen zu seinem früheren Leben, die man als nicht-Quereinsteiger leichter einordnen kann.

Jack ist mal wieder in einem grauen Bus unterwegs. Sein Blick fällt auf einen alten, schlafenden Mann, bei dem ein Umschlag mit Geld aus der Hosentasche vorsteht. Auch andere Augenpaare streifen den Umschlag und Begehrlichkeiten sind in armen Gegenden wie diesen schnell geweckt. Sowohl der alte Mann als auch der Möchtegern-Räuber steigen aus, unbemerkt gefolgt von Reacher. Das Opfer stellt sich später als Aaron Shevick vor, der das Geld für etwas in Bezug auf seine Familie braucht – doch mit mehr rückt er nicht heraus.

Jack erkennt schnell, dass die Stadt in den Händen zweier rivalisierender Gangs ist und Mr. Shevick bei einer davon hochverschuldet ist. Nachdem er sich in die Transaktion einmischt und fĂĽr die ersten Opfer sorgt, mutiert die Stadt innerhalb weniger Stunden zum instabilen Pulverfass. Die Gangs beginnen damit, sich gegenseitig zu ermorden und suchen mit Hochdruck nach Jack und seinen neuen Freunden …

Der erste Eindruck: Gewohntes Erfolgsrezept

Es geht sofort in die Vollen: Direkt auf der ersten Seite trifft Jack auf einen Protagonisten, der der Aufhänger für alles Nachfolgende ist. Die restlichen Zutaten für den Reacher-Thriller sind wie gewohnt recht simpel: Verwirrspiele durch Details wie Namen und Annahmen, die auf Unsicherheit basieren, ein Unbekannter (= Jack), der sich einmischt, um ein Unrecht gerade zu rücken und zwei Parteien von Bösewichtern, die um den Kuchen streiten.

Jack weiß wie immer am Anfang sehr wenig, aber erschließt sich alles recht schnell und geht mit gewohnter Geradlinigkeit gegen seine Feinde vor. Dabei bleibt er emotional flach und bleibt ganz auf dem Pfad des wortkargen Lonesome Cowboy, der keinen Satz zu viel äußert und lieber im Nichts verschwindet, als für eine Belohnung in der Öffentlichkeit zu stehen. Insofern spult Lee Child genau den Mix ab, der uns in den letzten Jahren zufrieden gestellt hat. Das an sich würde passen, denn ein Mal im Jahr ist das genau das, was man bisher über Jack Reacher lesen wollte. Gerade bei diesem ergeben sich leider zunehmend Aspekte, die inhaltlich zwar passen, ihn aber weniger sympathisch machen.

Im Fokus: Der Fall Jack

Die beiläufige Brutalität, die sich von Buch zu Buch steigert, gehört dazu. FrĂĽher hatte man das GefĂĽhl, Reacher spĂĽrt eine gewisse Reue, wenn er jemanden wirklich schlimm zurichtet. Mittlerweile ist seine Lunte nicht existent und die Menschen um ihn herum sterben deutlich häufiger – während ganz banal das Motiv „Ich schĂĽtze die arme kleine amerikanische Frau vor der bösen europäischen Mafia“ vorgeschoben wird. Was stattdessen hätte forciert werden können, ist das amerikanische Gesundheitssystem, das eigentlich der Grund ist, warum es dem Ehepaar Shevick so mies geht.

Die Chance für etwas mehr bedeutungsvollen Inhalt wäre also gegeben, wird aber für sehr zweifelhafte Darstellungen rund um das Recht des Stärkeren benutzt. Bisher blieb der Autor in dieser Reihe politisch bemerkenswert neutral – da blieb quasi nur der amerikanische Heldenpathos übrig, mit dem man den Thriller bisher garnieren konnte. Und genau das hat uns doch gefallen, denn Jack war harmlos als Figur und hat im Endeffekt Gutes getan. Der moderne Cowboy, ganz frei von Kommerz und bling bling. Die bewährte politische Neutralität wird durch die enthaltenen Aussagen allerdings durch die Hintertür eliminiert, denn der Hurra-Patriotismus mit individueller Bewaffnung und Selbstjustiz, gepaart mit Regierungsverachtung wird hier einfach zu dominant. Schade, denn dieses permanente Überschreiten der Grenzen trübt das Lesevergnügen deutlich.

Das Fazit

Die Mischung aus bewährtem Erfolgsrezept wiederholen und kritisch zu betrachtende Entwicklung von Jack legen für mich den Schluss nahe, dass es Zeit für eine neue Thriller-Tradition für den Sommer braucht.

Lee Child. Die Hyänen. Ein Jack Reacher-Roman. 
blanvalet. 20 Euro.

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