Ein Tag neben Big Ben

Eine Rezension zu einem weltbekannten Werk zu schreiben, hat etwas völlig redundantes. Daher soll es an dieser Stelle eher darum gehen, warum man Virginia Woolf in dieser Manesse-Ausgabe immer noch sehr gut lesen kann und sollte. 

Die Autorin hat zwei Repräsentanten der damaligen Gesellschaft ausgewählt: Eine gut situierte Frau, die doch alles Materielle zur Verfügung hat und glücklich sein sollte. Doch auch sie kommt aus den Grübeleien nicht heraus. Ihr gegenüber steht Septimus Smith, Kriegsheimkehrer, aus damaliger Sicht sozial etwas niedriger als Clarissa stehend. Doch auch er hatte das Glück, den Krieg zu überleben, hat in Italien eine Frau kennengelernt, die er geheiratet und mit nach England genommen hat. Doch er leidet an PTSD – worauf die Gesellschaft einfach nicht vorbereitet ist, entsprechend schlecht ist der Umgang mit ihm. Man könnte von beiden anhand gewisser Faktenaufzählungen behaupten, sie müssten beide froh und glücklich sein, aber keiner von beiden ist es. Beiden folgen wir für einen Tag, dessen Taktung durch den Glockenschlag von Big Ben getaktet wird.

Einmal zeigt die Autorin damit, dass unterschiedliche gesellschaftliche Schichten doch am Ende gleich sind, denn sie sind Menschen, die sich von vielen anderen Faktoren abhängig machen und die vom gegenseitigen sozialen Netz abhängig sind. In modernen Zeiten, in denen die obersten wenigen Prozent das meiste Vermögen dieser Welt besitzen, ist dies ein immer noch sehr passende Perspektive für Romane und die Positionierung zu vergleichender Charaktere. Und mit wem vergleicht man sein Leben in der Regel? Mit den vermeintlich glücklichen und besser gestellten Daseinsformen auf Instagram.

Dazu kommen so viele Themen, die die Autorin auf vielschichtige Weise einflicht: Von einer fast nebensächlichen Beobachtung, die eine Person macht, geht sie nahtlos über zur Perspektive und Gedankenwelt einer anderen. So banal dieses Vorgehen scheint, so nachhaltig baut sie daraus das gedankliche Netzwerk auf, dem alle Beteiligten im Buch angehören – teilweise, ohne es zu wissen. Allein darin liegt eine gewisse Possierlichkeit oder gar Zauber des menschlichen Umgangs miteinander. Aus detailgenauen Aufnahmen des Lebens ergibt sich folgende Konsequenz: Dieses Buch zu lesen heißt, nicht durch die Seiten fliegen, sondern den Blick fürs Detail mitbringen zu wollen.

Empfehlung für die Tage nach dem Abschluss dieses Buchs: Sich in ein Café setzen und die vorbeieilenden Menschen beobachten.

Nicht zu vergessen: Was bei Manesse einfach meistens ein sehr cooler Faktor ist: Sie offerieren festgebundene Bücher mit exzellentem Papier in Handtaschengröße. Passt wirklich auch in Hosentaschen! Bevorzugt lockere, um das toll gebundene Werk nicht zu sehr abnutzen zu lassen. Andererseits sind Bücher zum Lesen da und da freut es ungemein, dass Verlage wie Manesse den Klassikern eine Neuübersetzung angedeihen lassen.

Mrs. Dalloway. Virginia Woolf.

Manesse. 24 Euro.

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