Was dir der Stoizismus für die Karriere bringt

Gelassen bleiben, sich nicht überrumpeln lassen und einen kühlen Kopf bewahren ist nicht immer leicht – das war es noch nie. Schon in der Antike kämpften Philosophen gegen emotionale Dämonen und nannten es dann Stoizismus. Die Kunst des Entspannens durch rationales und determiniertes Denken klingt eigentlich ganz leicht, der Anfang mag jedoch etwas abstrakt wirken. Jonas Salzgeber und sein Buch „Das kleine Handbuch des Stoizismus“ nähern sich dem Thema auf verständliche Weise an und geben einen detaillierten Einblick in die stoische Philosophie.

Stressbewältigung in der Karriere

Der Innere Wolf © Jonas Salzgeber in “Das kleine Handbuch des Stoizismus”

Was ist Stoizismus?

Im Grunde wollen die meisten Menschen das Gleiche: glücklich sein. Doch wie schafft man es, gut zu leben? Laut Epiktet (einer der wichtigsten Philosophen des Stoizismus) gehören dazu we­der Reichtum noch ein Spitzenamt und auch keine Führungsposi­tion. Es muss also noch etwas anderes geben. So wie jemand, der eine gute Handschrift haben will, üben und viel über Handschrift wissen muss, muss auch jemand, der gut im Leben sein will, über gute Kenntnisse verfügen, wie man lebt. Wenn man also glücklich werden möchte, muss man wissen, was einen glücklich macht. Stellen Sie sich die beste Version Ihrer selbst vor – erkennen und wissen Sie, wer diese beste Version von Ihnen ist, diejenige, die in allen Situationen richtig handelt, die keine Feh­ler macht und unschlagbar er­scheint. Auf Griechisch hieße diese Version der innere Dä­mon, ein innerer Geist oder göttlicher Funke. Im Altertum war für die Stoiker und auch für alle anderen Schulen der Philosophie das oberste Ziel des Lebens die Eudämonie: Das heißt, sich mit seinem inneren Dämon gut (eu) zu stellen, in Harmonie mit dem eigenen idea­len Selbst zu leben und jederzeit die beste Version von sich zu präsentieren. Nicht zu verwechseln mit dem Dämon im Sinne eines bösartigen Wesens.

Stoizismus für die Karriere: „Therapie der Leidenschaften“

Die Stoiker bezeichneten starke Emotionen als unsere ultimative Schwäche, be­sonders dann, wenn wir sie über unser Verhalten bestimmen lassen. Ebenso wie es Erkrankungen des Körpers gibt, gibt es auch Er­krankungen der Psyche – und die Stoiker waren sich dessen wohl bewusst. Sie sagten, es sei unmöglich, im Leben voranzukommen, wenn man von irrationalen Emotionen gequält werde.

Stellen Sie sich starke Emotionen als Ihren inneren Wolf vor – er ist enorm kraftvoll, wenn man ihm einen Bewegungsspielraum zu­gesteht, und er ist in der Lage, Sie in die Richtung zu ziehen, die er will. Emotionen aktivieren eine Handlungstendenz. Im Grun­de genommen übergeben wir dem inneren Wolf, wenn er wütend ist, das Ruder, folgen blind dieser Handlungstendenz.

Die Stoiker fanden jedoch heraus, dass wir dieser Ten­denz nicht folgen müssen. Wir können uns antrainieren, ruhig zu handeln, auch wenn wir wütend sind; mutig zu handeln, auch wenn wir Angst verspüren et cetera. Die Stoiker wollen, dass wir den Wolf zähmen und dass wir lernen, ihn zu verstehen. Das Ziel ist nicht, alle Emotionen abzuschalten. Das Ziel besteht darin, sich trotz ihrer immensen Kraft nicht von ihnen überwäl­tigen zu lassen.


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Das stoische Glücksdreieck

Und wie können wir unsere Emotionen zügeln und zu einem unerschütterlichen Fels in der Brandung werden? Es ist ganz einfach: Sie müssen nur in die reale Welt hinausgehen und wie ein Krieger-Philosoph trainieren. Aber zuerst müssen Sie die Regeln des Spiels kennen.

Im Mittelpunkt des sogenannten stoischen Dreiecks steht die besagte Eudämonie. Es geht dabei darum, ein äußerst glückliches und reibungslos verlaufendes Leben zu führen. Es geht darum, in unserem Leben zu gedeihen, uns weiterzuentwickeln, voranzukommen. Und wie können wir das erreichen? Indem wir mit Arete leben. Das bedeutet, im Hier und Jetzt die beste Version seiner selbst zu sein. An den anderen Ecken stehen: Konzentrieren Sie sich auf das, was in Ihrer Macht liegt. Das heißt, zu jeder Zeit müssen wir uns auf die Dinge konzentrieren, die wir überhaupt kontrollieren oder beeinflussen können. Den Rest müssen wir so hinnehmen, wie er eben geschieht. Und zuletzt Verantwortung übernehmen: Gut und Böse stammen nur aus einem selbst. Sie sind für Ihr Leben verantwortlich, denn jedes externe Ereignis beinhaltet einen Bereich, den Sie sehr wohl kontrollieren können, nämlich, wie Sie auf dieses Ereignis reagieren. Nicht die Ereignisse machen uns glücklich oder unglücklich, sondern unsere Interpretation dieser Ereignisse.

Fokussieren Sie den Prozess
Wir können über unsere Absichten und Handlungen ent­scheiden, aber das Endergebnis eines Ereignisses hängt von externen Variablen ab, die außerhalb unserer Kontrolle liegen. Erfolg definiert sich also durch unser Bestreben, alles zu tun, was in unserer Macht liegt. Ob wir das Ziel erreichen oder nicht, ob wir gewinnen oder verlieren, spielt letztlich keine Rolle. Wir sind erfolgreich oder scheitern be­reits im Prozess. Die Stoiker wollen, dass wir diese Akzeptanz für alles, was ge­schieht, entwickeln, weil die meisten Ereignisse ohnehin passieren, ohne dass wir ein Mitspracherecht haben. Der Stoizismus lehrt, dass wir sehr stark für unser eigenes Glück und auch Unglück verantwortlich sind. Uns muss klar werden, dass externe Er­eignisse neutral sind. Erst die Art und Weise, wie wir auf sie reagie­ren, macht sie gut oder schlecht.

Der Schurke: Negative Emotionen kommen uns in die Quere

Glücklich zu sein erscheint demnach doch ziemlich machbar, oder? Warum ist es dann doch so schwierig? Das Leben kommt uns in die Quere. Es überrumpelt uns und verursacht Angst, Unsicherheit, Wut und Trauer. Das Problem mit diesen Emotionen ist nicht, dass sie existieren, sondern dass sie uns überwältigen, sodass wir am Ende das Gegenteil dessen tun, was wir tun sollten. Deshalb ist es ein wichtiger Teil der stoischen Philo­sophie, den Ausbruch negativer Emotionen zu verhindern und bereit zu sein, effektiv mit ihnen umzugehen.

Ein Boxer, der einen Treffer im Gesicht einstecken muss, wird den Ring nicht verlassen. Und das Gleiche gilt für Philosophen; nur weil das Leben uns schlägt, tritt, bespuckt und zu Boden schlägt, bedeutet das nicht, dass wir aufgeben, sondern dass wir wieder aufstehen und uns weiter verbessern sollten. So ist das Leben; Schläge und Tritte gehören dazu. Stoizismus zu praktizieren hilft uns, die passenden Werk­zeuge zu entwickeln, um so effektiv wie möglich mit allen Tritten und Schlägen umzugehen, die das Leben für uns bereithält. Egal, was in unserem Leben passiert, wir sind auf alles vorbereitet.

Wir wollen das, was außerhalb unserer Kontrolle liegt
Im Grunde genommen entstehen negative Emotionen dadurch, dass wir etwas, das nicht unter unserer Kontrolle ist, wollen oder fürchten. Wie wir bereits erfahren haben, liegt die Ursache für unser Leiden darin, dass wir uns Gedanken über Dinge machen, die außerhalb unserer Kontrolle liegen. Das Resultat sind fehlerhafte Werturteile; wir bewerten eine gleichgültige äußere Sache als gut oder schlecht.

Uns fehlt es an Achtsamkeit und wir lassen uns von Eindrücken mitreißen. Wichtig daran ist, dass wir durch höhere Achtsamkeit seltener von negativen Emotionen überwältigt werden. Wenn wir in jeder Situation die Besten sein wol­len, die wir sein können, dann müssen wir uns über jeden unserer Schritte im Klaren sein. Aufmerksamkeit ist das A und O. Wir brauchen definitiv Achtsamkeit, um irrationale Ängste und Begierden zu erkennen, bevor wir sie entweder mit Mut und Aus­dauer ertragen oder uns mit Besonnenheit und Selbstdisziplin von ihnen abkehren können.

Stand: Winter 2019

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