
Vom Paragrafen zum Persönlichkeitsprofil
Die Arbeit eines Steuerberaters ist weit vielseitiger als viele vermuten – Prof. Dr. Christian Fink, Professor für externes Rechnungswesen und Controlling an der Hochschule RheinMain, weiß das aus doppelter Perspektive: als Hochschullehrer und als aktiver Unternehmensberater. Neben klassischen Aufgaben wie Jahresabschlüssen steht heute die individuelle Begleitung von Mandanten bei unternehmerischen Entscheidungen, Gründungen oder Nachfolgen im Mittelpunkt, wobei Vertrauen und persönlicher Austausch eine zentrale Rolle spielen. Das duale Studium an der Hochschule RheinMain bereitet genau darauf vor, indem es Praxis und Theorie verbindet und den Umgang mit echten Fällen sowie digitalen Tools vermittelt.
Herr Prof. Dr. Fink, wenn Sie das „Zielbild“ des Berufs der Steuerberaterin oder des Steuerberaters skizzieren, wie sieht dann der Arbeitsalltag konkret aus?
Das Berufsbild der Steuerberaterin oder des Steuerberaters hat sich in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gewandelt. Natürlich gehören die Erstellung von Jahresabschlüssen, Steuererklärungen oder betriebswirtschaftlichen Auswertungen weiterhin zum Kerngeschäft. Doch zunehmend geht es auch um strategische Beratung: Wie strukturiere ich ein Unternehmen steueroptimal? Wie begleite ich eine Unternehmensnachfolge? Welche Auswirkungen haben Investitionsentscheidungen auf Liquidität und Steuerlast?
Steuerberaterinnen und Steuerberater sind heute oftmals langfristige Sparringspartner ihrer Mandanten. Sie begleiten Existenzgründungen, beraten Familienunternehmen über Generationen hinweg und stehen bei Krisen wie auch in Wachstumsphasen an der Seite ihrer Mandanten. Das Zielbild ist daher nicht der reine „Erklärer von Zahlen und Paragrafen“, sondern der vertrauensvolle Beratungspartner mit Weitblick. Insofern ist auch der „Human Touch“ in der Beziehung von nicht zu vernachlässigender Bedeutung.
Sie setzen hinsichtlich der akademischen Ausbildung im steuerlichen Bereich auf das duale Studium. Weshalb bereitet das duale Studium die Studierenden bestmöglich auf das beschriebene Zielbild vor?
Das duale Studium „Steuerrecht“ an der Hochschule RheinMain verbindet Theorie und Praxis, indem die Studierenden in einem Wechselmodell jeweils zwei Theorie- und zwei Praxisphasen pro Jahr mit in etwa gleichem zeitlichem Umfang durchlaufen. In den Theoriephasen setzen sich die Studierenden ganz dezidiert und tiefgehend mit den relevanten Steuergebieten auseinander, werden aber auch vertieft in die Bereiche des Rechnungswesens, der Finanzierung und des Wirtschaftsrechts eingeführt. Darüber hinaus werden bestimmte Selbst- und Methodenkompetenzen durch zusätzliche Module wie Future Skills, wissenschaftliches Arbeiten, Projektmanagement etc. geschult. In den Praxisphasen setzen sich die Studierenden daraufhin zeitnah mit der praktischen Anwendung der in der Theorie erlernten fachlichen Fragestellungen anhand realer Fälle auseinander, lernen die in der Berufspraxis angewendeten Tools und Systeme kennen und erleben die Interdependenzen und Zusammenhänge zwischen den unterschiedlichen Fachgebieten hautnah. Auf diese Weise werden die verschiedenen Facetten des Berufsbilds inhaltlich bedient, anwendungsorientiert miteinander verknüpft und ermöglichen eine ganzheitliche Befassung mit den berufsbildrelevanten Themenkomplexen, die die Berufsbefähigung gewährleistet und bestmöglich auf die abzulegenden Berufsexamina vorbereitet.
Wie viele Semester umfasst das duale Studium und welche Besonderheiten weist der Studiengang auf?
Bei unserem dualen Studiengang Steuerrecht handelt es sich um einen Intensivstudiengang, dessen Regelstudienzeit auf sechs Semester angelegt ist und in dem die Studierenden aufgrund der Berücksichtigung der Praxisphasen 210 Credit Points erlangen. Eine Besonderheit bietet in diesem Zusammenhang auch die Möglichkeit, sich im vierten und fünften Semester in den Bereichen „Internationales Steuerrecht“ oder „Tax Compliance/Erbschaftssteuer“ zu spezialisieren. Auf diese Weise bieten wir sowohl Studierenden in größeren, international tätigen Kooperationsunternehmen als auch solchen in eher mittelständisch geprägten Steuerberatungsgesellschaften die Möglichkeit, sich in den für sie relevanten Bereichen zu profilieren.
Wann starten Sie mit dem neuen Studiengang und wie bewirbt man sich dafür?
Wir lassen erstmalig zum Wintersemester 2026/2027 Studierende für den dualen Studiengang Steuerrecht an der Wiesbaden Business School der Hochschule RheinMain zu. Die Bewerbung erfolgt über das digitale Portal der Hochschule, wobei auf die Zulassungsvoraussetzungen zu achten ist. Neben einer generellen Hochschulzugangsberechtigung ist beispielsweise ein Arbeitsvertrag mit einem unserer Kooperationsunternehmen zwingende Voraussetzung für die Zulassung zum dualen Studiengang.
Für wen ist die Steuerberatung besonders geeignet? Welche Persönlichkeitstypen fühlen sich in diesem Berufsfeld wohl?
Wer sich für die Steuerberatung entscheidet, sollte analytisches Denken mitbringen, aber ebenso kommunikative Stärke. Mandanten erwarten verständliche Erklärungen komplexer Sachverhalte und häufig auch eine klare Empfehlung. Entsprechend eignet sich das Berufsfeld gut für Menschen, die strukturiert und sorgfältig arbeiten, Freude an rechtlichen und wirtschaftlichen Fragestellungen haben, Verantwortung übernehmen möchten und gerne im direkten Austausch mit Mandanten stehen. Gerade Empathie und ein gewisses unternehmerisches Gespür werden häufig unterschätzt. Eine gute Steuerberaterin oder ein guter Steuerberater erkennt nicht nur, was rechtlich möglich ist, sondern auch, was für den Mandanten in seiner individuellen Situation sinnvoll und wirtschaftlich tragfähig ist.
Mit welchen Missverständnissen in Bezug auf das Berufsfeld der Steuerberatung sollte dringend aufgeräumt werden?
Ein verbreitetes Vorurteil lautet: Steuerberatung sei trocken und monoton. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Kaum ein Mandant gleicht dem anderen, vom Start-up über mittelständische Familienunternehmen bis hin zu international tätigen Großkonzernen kann alles dabei sein.
Ein weiteres Missverständnis betrifft die Entwicklungsperspektiven. Viele glauben, der Weg sei starr vorgezeichnet. Dabei bietet die Branche enorme Flexibilität: vom Einstieg in einer kleinen, mittelständisch geprägten Sozietät mit eher breit angelegtem Tätigkeitsfeld bis hin zum hochspezialisierten und fachlich fokussierten Aufgabenfeld in einer Großkanzlei, vom eher regionalen Tätigkeitsfokus bis hin zum Einsatz in einer international engagierten Beratungsgesellschaft, sogar die selbständige Tätigkeit als „Einzelkämpfer“ ist möglich – hier findet sich normalerweise für jedes Interessensgebiet ein Betätigungsfeld.
Schließlich wird oft angenommen, man müsse zwingend eine klassische Ausbildung zum oder zur Steuerfachangestellten absolvieren, um in der Steuerberatung erfolgreich sein zu können. Moderne Studienkonzepte wie unseres zeigen jedoch, dass auch andere Wege möglich sind.
Die Steuerberatung vereint analytische Tiefe mit menschlicher Nähe
Wie sicher ist der Beruf, gerade mit Blick auf KI und Digitalisierung?
Die Steuerberatung gehört zu den regulierten und systemrelevanten Berufen. Der Bedarf an qualifizierten Fachkräften ist seit Jahren hoch und wird es angesichts zunehmender Komplexität des Steuerrechts auf absehbare Zeit auch bleiben.
Künstliche Intelligenz und Automatisierung verändern allerdings das Aufgabenspektrum. Routinetätigkeiten im Bereich der Buchführung oder von Standarderklärungen werden zunehmend digitalisiert. Doch genau dadurch verschiebt sich der Schwerpunkt stärker hin zur beraten-den, strategisch gestaltenden Tätigkeit.
Darüber hinaus ersetzt KI nicht das Vertrauensverhältnis zwischen Berater und Mandant. Sie unterstützt vielmehr bei Datenanalyse und Mustererkennung, kann jedoch nicht die individuelle Lebens- oder Unternehmenssituation ganzheitlich beurteilen und bewerten. Sind unsere Studierenden dazu bereit, digitale Werkzeuge sinnvoll zu nutzen und sich fachlich kontinuierlich weiterzuentwickeln, werden sie von dieser Transformation profitieren – zumal digitale Fragestellungen und der unterstützende Einsatz von KI auch im Studienprogramm verankert sind.
Sie sprachen eingangs vom „Human Touch“ im Mandantschaftsverhältnis. Wie entwickelt man im Studium die Fähigkeit, vom Dienstleister zum vertrauensvollen Partner zu werden?
Der Übergang vom reinen Sachbearbeiter zum wirklichen Berater ist ein Entwicklungsprozess. Entscheidend ist die Fähigkeit, Mandanten nicht nur zu informieren, sondern ihre Situation aktiv mitzudenken. Diese Skills entstehen im Studium durch praxisnahe Fallstudien, Präsentationen komplexer Sachverhalte sowie die direkte Einbindung in Mandantengespräche während der Praxisphasen.
Gerade im dualen Studium erleben Studierende frühzeitig typische Situationen: das erste Gespräch mit einem Mandanten, Unsicherheiten bei Rückfragen oder die Herausforderung, komplexe steuerliche Sachverhalte verständlich darzustellen, zu analysieren und zu bewerten. Aus diesen Erfahrungen entstehen Selbstvertrauen und die Fähigkeit, Bedürfnisse zu antizipieren, bevor Mandanten sie selbst formulieren.
Abschließend: Warum ist die Steuerberatung gerade für junge Menschen heute besonders attraktiv?Weil sie Sicherheit mit Gestaltungsspielraum verbindet. Die Steuerberatung vereint analytische Tiefe mit menschlicher Nähe und überträgt jungen Menschen frühzeitig Verantwortung. Sie ist kein Berufsbild im Schatten der Digitalisierung, sondern eines, das sich durch digitale Entwicklungen neu definiert. Wer Zahlen und auch Menschen versteht, findet hier ein Betätigungsfeld mit Substanz, Perspektive und echtem „Human Touch“.
Prof. Dr. Christian Fink lehrt seit 2011 als Professor für externes Rechnungswesen und Controlling an der Wiesbaden Business School der Hochschule RheinMain und ist parallel dazu als selbständiger Unternehmensberater tätig.
