Wo Spielschulden stärker als Mord wiegen

England, zirka 1926. Von seinem ersten Fall (hier geht es um Band 2) musste Lord Peter Wimsey sich erholen und verbringt einige Wochen auf Korsika – nirgends hat er seine Adresse hinterlassen. Als er schließlich “in die Zivilisation” zurückkehrt, erwarten ihn höchst unerfreuliche Nachrichten: Sein Bruder sei wegen Mordes angeklagt und im Gefängnis. Er selber verweigere jede Aussage vor Gericht, daher bräuchte es Wimseys scharfen Verstand. um die Beweise der Unschuld ausfindig zu machen und vor Gericht sprechen zu lassen. Eine kniffelige Aufgabe …

Ein Klassiker im neuen Gewand

Absolut entzückend ist, wie sehr dieser Krimi aufs Mitraten ausgelegt ist – da findet sich sogar eine Skizze vom Tatort mit Beschriftung, um sich Abläufe und Personenkonstellationen besser vorstellen zu können. Die Tonalität betrachtend kommt ein bisschen Bridgerton-Feeling auf (aktuell gehypte Netflix-Serie), wenn die Unterhaltungen sehr gestochen werden, von maximaler Rücksicht geprägt sind und den Damen dieser Zeit leider so gar nichts zugetraut wird. Hysterisches Weibsvolk als Grundtenor, quasi, darüber muss man in diesem Fall wohlwollend hinweglesen. Was ein klitzekleiner Kritikpunkt ist, den man mit Blick auf das Erscheinungsjahr aber echt in Klammern setzen muss.

Die Autorin benutzt neben dem eigentlichen Fall die unterschiedlichen gesellschaftlichen Ränge der Beteiligten, um die Abhängigkeiten voneinander zu illustrieren. “Die Bauern” sitzen im Gericht, sind ungebildet und haben doch die Macht, einen Herzog aufs Schafott zu bringen (wird später abgemildert, weil Peer). Würde der Adel also Zeit und Geld investieren, um Bildung auszuweiten, wäre das Problem eventuell gar nicht vorhanden … Dazu die stoische Weigerung des Herzogs, seine Aussage zu machen, denn wie kann man es wagen, ihn vor Gericht zu bringen, er ist ein Gentleman und überhaupt ist er unschuldig und alles andere könne man ihm nicht nachweisen. Stolz und Adelsdünkel sorgen also dafür, dass hier jemand lieber sein Leben aufgibt, als sich einem nicht Standes-konformen Verhalten zu beugen. Ein sehr netter Kritikpunkt der Autorin an entsprechender Erziehung der adligen Nachwuchses hin zu solchen Exemplaren der Gesellschaft. Dass die Autorin viele solcher Aussagen so impliziert und doch offen trifft, macht diese Geschichte zu einem kleinen Juwel.

Dieser Band 2 unterscheidet sich ganz wesentlich von kontemporären Kriminalromanen: Sätze haben bisweilen eine halbe Seite Länge, sind daher massiv geschachtelt und die Aufdeckung des Falls ist nicht das Ende der Erzählung. Es braucht also einen Funken Liebhaberei, um diesem Text keine Längen vorwerfen zu wollen. Interessant ist auch, wie man nebenbei Einblicke in das damalige Leben bekommt. Final wird der englischen Oberschicht aber schon sehr viel Bonus eingeräumt, was vermutlich früher schlichtweg dem potenziellen Klientel des Romans geschuldet ist: Sie waren die intendierten Leser:innen.

Dorothy L. Sayers. Diskrete Zeugen.
Wunderlich. 15 Euro (Hardcover).

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