Eine späte Wahrheit

Schon als kleines Kind wird Margaret nicht nur von der Gesellschaft ausgegrenzt, sondern komplett aus ihr entfernt. Der „Rattenfänger“, wie sie ihn nennt, kommt sie holen und bringt sie in ein Heim. Dort finden sich vor allem Frauen – manche wurden misshandelt und sind daraufhin psychisch erkrankt, anderen wird es nur unterstellt, um sie an den Rand der Gesellschaft zu drängen und sie aus der öffentlichen Wahrnehmung zu tilgen. Ihnen wird beigebracht, sich zu schämen – es ist eine Tragödie. Unter diesen Bedingungen wächst Margaret heran. Die Schwestern sind hart und meistens böse, das Leben hält nur kleine Freuden bereit. Margaret, die es nicht anders kennt, erwartet nicht mehr viel vom Leben.

Doch alles dreht sich weiter und so kommt der Tag, dass sie die Anstalt verlässt und eigenständig lebt. Sie hält sich an der Gegenwart fest, liebt ihre alltäglichen Rituale und lernt, dass es überhaupt nichts ausmacht, für viele Dinge einfach etwas länger als der Durchschnitt zu brauchen. Sie lernt, sich selbst zu akzeptieren. Und dann trudeln plötzlich bunte Briefe ein mit rätselhaften, aber liebevollen Botschaften – der oder die Unterzeichner:in hält sich bedeckt und löst doch eine Reise in die Vergangenheit aus. Eine Reise, die Margaret aufwühlt, ihr aber auch echten Frieden schenken kann.

Spannung, Mitgefühl und Neugier

Sobald man das Buch in die Hand nimmt und liest, möchte man es nicht mehr aus der Hand legen. Es lässt sich sogar recht mühelos an einem Nachmittag plus Abend lesen, weil man einerseits gepackt wird von Margaret und dem Rätsel der bunten Briefe. Zum anderen ist da das leise Entsetzen, mit dem man ihre Hintergrundgeschichte liest. Der Missbrauch durch die Pflegekräfte, die Absprache jeglicher Kompetenz, die Zwangsadoption, die mehr als kritikwürdige Behandlung durch Alfie. So wird das Buch zu einem echten Pageturner und man will wirklich wissen, wer hinter den Briefen steckt. Das Problem: Das ist eigentlich total nebensächlich und wird deutlich überschattet.

Positive Sprachwahl

Gut ist, dass das Buch sich aktiv bemüht, ableistische Sprache zu vermeiden oder in den richtigen Kontext zu setzen, wenn es realistisch ist, dass eine Figur sie verwendet hat.

Zu seicht, zu nett

Diese Geschichte von einer gewissen Naivität durchdrungen. Sie möchte oder soll das Licht auf eine sehr kritische Angelegenheit werfen, deckt sie aber selbst mit diversen Deckchen des Wohlgefallens zu, denn unserer Hauptperson geht es schließlich gut. Sie ist zufrieden. War damals zufrieden und macht sich auch jetzt nicht viel aus der grausamen, komplett von Missbrauch geprägten Vergangenheit. Dann ist doch alles in Butter, oder? keiner braucht ein schlechtes Gewissen haben, weil er/sie damals weggeguckt hat. Dazu entwickelt sich eine der Nebenfiguren zu einem positiven Beispiel: „Hättest du diesen Weg eingeschlagen, hättest du wie ich erfolgreich sein können“. Das ist im Kern nicht frei von einem Hohn und sehr schade, weil es diese Entwicklung schlichtweg nicht gebraucht hätte.

Keine Aufarbeitung

Die Täter in diesem Buch kommen allesamt ungeschoren davon und niemanden in dieser Geschichte kratzt das auch nur ansatzweise. Es findet auch in der Gegenwart dieser Geschichte keine wirkliche Aufarbeitung statt. Insofern kommt dem Buch eher die Rolle eines Feelgood-Romans zu über eine alte, zufriedne Frau, die grausame Erfahrungen gemacht hat, diese aber völlig verklärt. Diese Stimmung ist angesichts des historischen Hintergrunds fast genauso gruselig, wie der „Langzeitaufenthalt“ und das zugehörige Umfeld es damals gewesen sein muss. Dazu stellt sich ganz berechtigt folgende Frage: Warum muss Margaret überhaupt Frieden mit der Vergangenheit schließen? Warum ermutigt niemand sie, auf die Barrikaden zu gehen, den Missbrauch anzuzeigen, Namen zu nennen und das System der Gesellschaft so richtig aufs Tablett zu legen?

Schade, wirklich schade. Hier hätte ein Weckruf stehen können, ein Erinnerungsruf an Zeiten, die auch heute längst noch nicht vorbei sind. Stattdessen wird impliziert, dass man sich beruhigt zurücklehnen könne, weil heute alles besser ist. Pustekuchen.

Die geheimnisvollen Briefe der Margaret Small. Neil Alexander. 
blanvalet. 20 Euro.

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