Die Prairie schlägt zurück. Möglicherweise.

Gopher Prairie – das klingt schon, als wären durch die Ortschaft wehende Tumbleweeds das tägliche Highlight der dort lebenden Bevölkerung. Es ist eine typisch ländliche Gegend im Herzen der USA vor dem Ersten Weltkrieg, wo sich niedergelassene Farmer den Härten des Lebens in einer noch halb wilden Umgebung stellen. Das Leben ist geprägt von Pragmatismus, wo beispielsweise Felle notwendiger Kälteschutz und kein Accessoire für das Revers oder Handschuhe sind. Doch genau diese Welten treffen aufeinander, als Carol nach ihrer Tätigkeit in einer New Yorker Bibliothek Doc Kennington heiratet und der großen City den Rücken kehrt.

Sie ist das lebhafte, fast schon quirlige Mädel auf bestem Wege, eine elegante Dame zu werden – doch nun besteht ihr sozialer Kontakt ausschließlich zu Menschen, die sich in erster Instanz dem Überleben widmen. In zweiter Instanz bemühen sie sich, ihre eigene Überlegenheit gegenüber dem einfachen Volk zu demonstrieren oder auch zu zementieren. Ein Vorgang, mit dem Carol an sich nichts zu tun hat oder haben möchte, denn sie will das Leben in vollen Zügen genießen – und lässt dabei ganz intuitiv außer Acht, was die Gesellschaft stattdessen alles von ihr erwartet. Carols Leben entwickelt daher zu einer instabilen Situation, die die Basis einer echten Tragödie werden könnte …

Die Kritik

Das wahrhaft Zauberhafte der lieben Carol ist, dass sie sich ihrer modernen Haltung zunächst gar nicht bewusst ist. Für sie hat es keine weitere Bedeutung, an einem nicht-religiösen College studiert zu haben. Natürlich sind in ihr die Werte ihrer Erziehung verankert und es ist nicht so, als würde sie im Bikini schwimmen gehen – aber es schert sie nun wirklich nicht, wenn jemand einen Blick auf ihre Knöchel erhascht. Das bringt ihr nicht nur den einen oder anderen schockierten Blick ein, sondern auch den Besuch benachbarter Matronen, die sie zum Kirchenbesuch animieren möchten. Das bringt Carol nicht mal richtig auf die Palme, sie steht den Besuch einfach durch und macht mir ihrem Leben weiter. So wird sie zu einer quasi-Rebellin und ist sich dessen gar nicht bewusst. Sie möchte etwas bewusst zum Positiven, Lebhafteren bewegen, aber geht dabei in aller Unschuld vor und verurteilt Dinge und Menschen nicht in gut oder schlecht, sondern nimmt sie einfach als “anders” war.

So schreibt sie sich anfangs beispielsweise nicht den Feminismus auf die Fahnen, sondern fordert aus eigenen Überlegungen eine Art Haushaltsgeld für sich ein – aus heutiger Sicht kann man diese Situation vermutlich gar nicht mehr akkurat beurteilen. Aus damaliger Lesart war Carol damit eine Frau, die sich innerhalb ihrer persönlichen Position gegenüber ihrem Ehemann ein unabhängigeres Standing erarbeitet hat und somit wiederum die Position nachfolgender Generationen von Haus aus geändert.* Im Laufe des Buchs, wenn sie zu der Person wird, die sie sein soll, merkt sie natürlich schon, dass sie sich die feministische Strömung zu eigen gemacht hat.

Allerdings muss auch Carrie feststellen, dass sie nicht einfach Akzeptanz ihrer Eigenarten einfordern kann, ohne diese auch ihrem Gegenüber angedeihen zu lassen. Sie bekommt mehr oder minder kräftigen Gegenwind aus dem etwas festgefahrenen Soziotop, in das sie mit Anlauf gesprungen ist. Da hilft es nicht gerade, dass sie ihr Herz zwischendrin an einen Schweden verliert. Schwimmen lernt sie am Ende erst, als sie alle Vorstellungen des perfekten Lebens von sich stößt. Als sie nicht mehr versucht, etwas und Menschen so zu verändern, dass sie zu ihr passen. Stattdessen findet sie ihren ganz eigenen Weg und passt sich in die Vielfalt des Lebens ein, in der sie sich endlich auch ausleben kann.

Noch ein Wort zur vorliegenden Ausgabe: Im Gegensatz oder vielmehr in Ergänzung zu bisherigen Ausgaben wurden die Annotationen deutlich ausgeweitet, sodass es über 200 Anmerkungen gibt, die das Leseverständnis erhöhen sollten. Das sollte man als Leser auch nutzen, denn der Text hat nun doch seine Jahrzehnte auf dem “Buchrücken” und geht teilweise mit vollständig abhanden gekommenen Begrifflichkeiten / Alltagssituationen um. Eine sehr wertvolle Erweiterung!

Sprachlich ist der Text langmütig und erfordert eine/n LeserIn, der / die Zeit, Geduld und Verständnis für eine umfassend erzählte Geschichte mitbringt. Lockere Sommerabschluss-Lektüre ist das Buch definitiv nicht, mehr ein längeres Projekt für die anstehenden kühleren Tage.

Bettina Riedel (academicworld.net)

Sinclair Lewis. Main Street.
Manesse. 28,00 Euro.

*Ein Nachwort an moderne FeministInnen – das heißt keineswegs, dass Carols Weg – schon gar nicht heutzutage – der goldene Weg des Feminismus sein soll. Es gibt natürlich viele Möglichkeiten und Wege (nicht nur für Frauen), sich mehr Gleichberechtigung und Unabhängigkeit zu erarbeiten.

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