Auf den Spuren der Drachenpiste

Julia ist die Tochter eines waschechten Punks der 70er und 80er Jahre – und heuert ausgerechnet bei den “Bullenschweinen” an. Ihr Vater ist maximal hin- und hergerissen, denn einerseits ist die Polizei sein absolutes Feindbild. Andererseits lernt Julia hier, sich zu verteidigen, was ganz praktisch ist: Denn in ihrer beider Vergangenheit schlummert ein Monster, das seinen hässlichen Kopf in die Gegenwart reckt. Julia weiß davon nichts und wird Hals über Kopf in einen politischen und moralischen Sumpf gezogen, als sie Nick kennenlernt und mit seiner Nazi-Vergangenheit konfrontiert wird. In deren Epizentrum liegt der Westwall, die ehemalige Verteidigungslinie der Nazis gegen unsere europäischen Nachbarn und für Nick und Julia der sprichwörtliche Quell des Bösen …

Unsere Einschätzung

Die Konstellation der Charaktere sowie ihre jeweils persönliche Ausarbeitung sind sehr gut gelungen. Man erfährt genug über sie und ihre Motivation, wird aber davon nicht erschlagen und die Geschichte selbst auch nicht davon erdrückt – das ist dem Autor sehr gut gelungen. Dennoch gilt: Wer das Buch aufmerksam liest, kommt auf jeden Fall durch die eine oder andere Andeutung sowie schlichtweg logische Vermutungen auf gewissen Zusammenhänge. Heißt, dass Situationen, die als Überraschungen konzipiert wurden, in ihrem Inhalt eher bestätigt werden als den Leser aus der Bahn werfen.

Dass die Hauptpersonen und ihr Geschehen so jederzeit auch in der Realität vorstellbar sind, gibt dem Buch einen besonderen Kitzel, der den Leser berunruhigt – gut für einen Thriller und hoffentlich zum weiter nachdenken anregend. Leider kann man an dieser Stelle Nicks Beispiel nicht ausführen, ohne zu stark zu spoilern, daher der Fokus auf … Richtig, diese Person sollte man auch nicht spoilern. Die Aktualität ist definitiv gegeben und je länger man darüber nachdenkt, desto mehr Unruhe macht sich im Kopf breit. Der politische Missbrauch und die Manipulation von insbesondere jungen Menschen ist aber auch etwas, von dem man nicht wegschauen sollte. Natürlich können beide Seiten genau das für ihre Sache anführen und gerade deswegen ist es umso beängstigender, dass es in der Realität so wenig zur Sprache kommt – wo Sprache das zentrale Werkzeug ist.

Vom schreiberischen Handwerk her erinnert das Buch stark an einen Film, beziehungsweise ist es einfach sehr bildlich verfasst. Das überrascht wenig, wenn man sich der Autoren-Vita kurz widmet: Benedikt Gotthardt ist eigentlich Drehbuchautor und hat sich mit dem Westwall einer Kulisse angenommen, die es so wirklich gibt. Wer ihn als Leser nicht kennt, erfährt so ganz nebenbei noch etwas über unsere Vergangenheit, ohne dass es zu doziert wirkt, vielmehr ist es gut dosiert!

Die Unterhaltung mit dem Buch ist auf jeden Fall sehr spannend, durch die glaubwürdigen Charaktere und die realen Gegebenheiten wahnsinnig intensiv – und dennoch als Film vielleicht sogar noch einen Tick besser als das Buch.

Westwall. Benedikt Gotthardt.
Penguin. 15,00 Euro.

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