
Die Kritik
In dieser Besprechung wird sich kein Haar in der Kritiksuppe finden. Robin Hobb verbindet eine interessante Idee mit spannenden Charakteren, entwickelt sie weiter und schmeißt noch dazu hohe technische Erzählkunst mit in den Topf. Sobald der Leser in die erste Seite eintaucht, kommt er nicht mal mehr zum Luftholen empor. So fesselnd berichtet sie aus der ich-Perspektive des Jungen, den eigentlich niemand wollte, dass er die Gedanken des Lesers erst gar nicht wieder verlässt.
Dass sie sich dabei nicht auf einen Teenager oder ausgewachsenen Protagonisten verlässt, gibt der Autorin natürlich die Chance, ihn quasi vor der Nase der Leser weiterzuentwickeln. Und so nutzt die sozusagen den Serien-Effekt: Mit wem man sich gemeinsam weiterentwickelt (man ist ja in Gedanken über Jahre und viele hundert Seiten dabei), mit dem verbindet man etwas und wenn es nur der Wunsch ist, dass er schafft, was er sich vornimmt. Dabei rutscht die Geschichte nicht in die Märchenrubrik ab, denn eines ist klar: Die Welt, in der Fitz lebt, ist kein Zuckerschlecken. Ein Menschenleben ist nur so viel wert, wie er den Mächtigen unbekannt ist oder ihnen gerade noch nutzt. Alle anderen Personen sind quasi vogelfrei – und damit Bauern in einem immer komplizierteren Spiel aus Macht, Eifersucht, Geltungssucht und schlichtweg Zukunftsangst.
Die Art und Weise, wie Hobb erzählt, befindet sich auf höchstem Niveau. Jeder Satz sitzt und fügt sich flüssig in das Gesamtgefüge ein. Ihre Wortwahl ist exzellent und unterstützt die inhaltliche Vorstellungskraft des Lesers mit ausgewählten Ausdrücken, ohne zu überladen oder zwanghaft zu wirken. Die Übersetzung ist ebenfalls sehr stimmig. Man könnte was fast sagen, als Leser fühlt man sich in der Geschichte richtig ‚zuhause‘. Ein Geschenk für trübe Herbsttage, wie sie sicher bald auf alle zukommen werden.
Der inhaltliche Spannungsbogen wird sehr zart aufgebaut. Geht es anfänglich um Fitz‘ Schicksal als ungeliebtes Kind und seinen Weg in das Gefüge „königlicher Hof“, nimmt die Geschichte Stück für Stück innenpolitische Züge an – und letztendlich außenpolitische. Das Ende kommt überraschend, denn es entwickelt sich rasant und mit einer ungeahnten Ernsthaftigkeit.
Fazit: Rundum gelungen, in Perfektion ausgearbeitet. Ein inspirierendes Werk!
Bettina Riedel (academicworld.net)
Robin Hobb. Die Gabe der Könige.
penhaligon. 15,00 Euro.