Ein Schutzwall aus Eis

Finja ist am Boden zerstört. Vor 4 Jahren starb ihr Mann und ihre kleine Welt schrumpfte auf einen kleinen Fokus herab: ihre Tochter Hannah. Doch die verschwand spurlos im eigenen Haus und seither taumelt Finja durch ihr Leben. Sie will ihre Tochter finden, aber es gibt einfach keinen ernsthaften Ansatzpunkt, sodass auch die Polizei untätig bleibt. Sie wird mental immer instabiler und bis auf eine Freundin gibt niemand ihr Halt, nicht einmal die Therapie.

Da erscheinen eines Tages Eisblumen auf einem Spiegel und das zieht Finja in einen wilden Strudel – denn ihre Eltern brachten ihr immer bei, dass in den Spiegeln das Böse wohnt. Was, wenn sie Recht hatten? Was, wenn eine böse Macht in der Spiegelwelt holt, die ihre Tochter entführt hat und nun Monster schickt, um sie zu holen? Kennt Finja dieses Böse schon? Was, wenn Finja sich dagegen wehrt?

Der Leseeindruck

Hier geht es um weit mehr als eine harmlose Urban Fantasy. Von Anfang an stehen psychologische Aspekte im Vordergrund wie Panikattacken, Verlustängste, Manipulation – alles super ernste Themen. Die machen nicht nur die Handlung komplexer, sondern auch die Charaktere. Hier liegt ein wesentlicher Unterschied zu dem, was Liza Grimm vorher geschrieben hat. Das soll die Bücher wie Talus auf gar keinen Fall abwerten, aber der Schritt von junger Urban Fantasy mit Geistern und Hexen zu dieser Adaption der Schneekönigin ist ein wahrhaft riesiger.

Die Hauptperson schrammt immer wieder an einer magischen Welt entlang und es gibt hier nicht – wie in den meisten Jugendbüchern – ein großes magisches Erwachen. Finja hat nicht plötzlich riesige magische Fähigkeiten und muss erst einiges über sich lernen, um einen Schritt weiterzukommen. In unserer Welt aus Held:innen, die ganz plötzlich ganz toll sind und ganz viel können, ist das eine Wohltat. Finja ist einfach keine typische Heldin und nimmt trotzdem den Kampf auf.

Die Inspiration hinter der Geschichte geht in Teilen auf die Schneekönigin zurück, wobei das eher lose ist. Es geht um eine Spiegelwelt und eine Gestalt mit magischem Bezug zu Schnee oder eben auch Eiskristallen, die sich in den Augen einnisten und so für eine besondere Vergesslichkeit sorgen. Insofern sind schon Parallelen vorhanden, aber Liza Grimm ist sehr frei in ihrer Interpretation und hat hier definitiv kein Märchen geschaffen. Tendenziell eher einen magischen Thriller? Für „Hinter den Spiegeln so kalt“ kann man gerne ein neues Genre schaffen und das ist auch als Kompliment gemeint: Weil es einfach mal wieder was anderes ist und nicht den ewig gleichen und bekannten Schemata folgt.

Das größte Kompliment entsteht (aus meiner Sicht) für die Autorin aus einer Situation, die im letzten Drittel stattfindet. Das ist wirklich harter Tobak und mit Sicherheit nicht einfach gewesen beim Schreiben oder einfach darüber nachdenken. Zeitgleich ist Finjas Reaktion darauf etwas, was ich persönlich im Umfeld schon erlebt hatte. Dieses Minenfeld zu navigieren, das Thema dennoch als ernsthaften Handlungspart aktiv einzubauen (nicht nur anzureißen) und daraus eine Lehre für die Lesenden zu machen, ist massiv gut gelungen. Sehr gut dazu auch das Nachwort. Vor dem Fazit bleibt daher noch eine Bitte: Die Triggerwarnung ist bitte sehr ernst zu nehmen. Wer in dieser Hinsicht sensibel ist, wird trotz der Warnung eine sehr harte Szene mit erleben, die sich eventuell sehr lange auswirken kann.

Also das Fazit?

Keine Standardgeschichte, außerdem voller Magie, einer zweifelnden Heldin und Spannung, wann Finja ihre Tochter und zurück zu sich selbst findet. Ehrliche Leseempfehlung!

Liza Grimm. Hinter den Spiegeln so kalt. 
Droemer-Knaur. 15,99.

Bettina Riedel (academicworld.net)

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