Nach der Schule: Uni oder lieber doch Ausbildung?

Wenn es darum geht die eigene Zukunft zu planen sind Abiturienten anfangs oft überfordert und orientierungslos. Johannes Wilbert vom Institut zur Berufswahl erklärt, wie sich Potenziale analysieren lassen, wer bei diesem Prozess eine Rolle spielt und wie das die Zukunftsplanung vereinfacht.


Johannes Wilbert vom Institut zur Berufswahl


Wie viele Menschen üben in Deutschland wirklich den Beruf aus, der zu ihnen passt?

Aus dem Bauchgefühl heraus sind es vielleicht 15 Prozent der Menschen, die sagen: „Ich mache den Beruf, der mich glücklich macht und der auch wirklich zu mir passt.“

15 Prozent klingt nüchtern. Woran liegt das?

Ich habe festgestellt, dass in vielen der Gedanke ruht: „Ich möchte gerne noch etwas verändern.“ Das ist gleichzeitig der Beginn der Frage: „Bin ich wirklich bereit dazu?“ Im Alter ist das nicht einfach. Hier sehe ich die Chance, schon bei jungen Erwachsenen an dieser Frage zu arbeiten. Es steht noch nicht so viel auf dem Spiel, Fehler sind leichter zu korrigieren und junge Erwachsene sind noch offen für Neues.

Wird einem Potenzial in die Wiege gelegt oder entwickelt es sich in der Schulzeit? Wer nimmt am Prozess dieser Entwicklung teil?

Selbst Potenziale sind Dinge, die entfaltet werden. Die Möglichkeiten sind sehr unterschiedlich. Das stelle ich auch in meinem Einzel-Coaching fest. Um Potenzial entwickeln zu können, spielt die Umgebung eine Rolle. Sie hat Einfluss auf den unterschiedlichen Grad der Potenzial-Entfaltung jedes einzelnen. Einen starken Einfluss auf den Entwicklungsprozess haben vor allem die Eltern. Die Schule nimmt ebenfalls einen sehr verantwortlichen Rahmen dafür ein.

Können Eltern denn z.B. an Schulnoten erste Anzeichen für Potenziale ihrer Kinder erkennen? Welchen Rat würden Sie ihnen geben?

Ich denke, Schulnoten spiegeln Potenziale nicht wider. In der Schule werden nicht alle Stärken und Gebiete gleichwertig abgerufen und gefördert. Das Stichwort für Potenzialerkennung lautet Interesse. Interessen stehen bei mir ganz klar im Vordergrund. Eltern haben ein sehr gutes und umfassendes Bild ihres Kindes. Sie haben einen sehr wichtigen Blickwinkel über die verschiedenen Entwicklungsstufen ihres Kindes und sie üben auch durch ihr Feedback auf das Kind einen sehr wesentlichen Einfluss darauf aus, wo Potenziale liegen und wo Potenzial entwickelt werden kann.

Wie lässt sich der Begriff „Potenzial-Analyse“ in wenigen Sätzen erklären?

„Potenzial-Analyse“ ist in den meisten Fällen eine Abfrage in einem Testverfahren. Bei mir ist dies ein Prozess, der die Interessen in einem Dialog aufgreift, um die hier in einem Zusammenhang stehenden Fähigkeiten und Eigenschaften dem Kandidaten bewusst zu machen. Das ist sozusagen die Grundlage zur Selbstwahrnehmung, woraus sich eine selbstbewusste Entscheidung entwickelt.

Was können Sie, was Eltern vielleicht nicht können?

Ich bin selbst Vater von vier Kindern. Meine älteste Tochter, die inzwischen studiert, hat es vorgezogen, einen externen Berater zu nehmen, obwohl ich sicherlich in meiner Beratung ein Profi bin. Diese Entscheidung habe ich trotzdem begrüßt. Man muss einfach aufpassen, dass man zwischen den Dingen, durch die man sehr eng miteinander verwoben ist, neutral bleibt. Und da fällt es mir als Vater nicht immer leicht, neutral zu bleiben. Es ist mir wichtig, dass die Kinder für sich entscheiden was Sie wirklich wollen und dass in ihrer Entscheidungsfindung möglichst wenig Fremdbestimmung eine Rolle spielt.

Ist jeder Schüler intelligent?

Natürlich ist jeder Schüler intelligent, aber unser Schulsystem sieht vor, dass die akademische Intelligenz in der Ausprägung sehr stark im Vordergrund steht. Es wird oft vergessen, dass es auch eine praktische und eine emotionale Intelligenz gibt. Jeder Mensch  besitzt alle drei Intelligenzen, nur mit verschiedenen Schwerpunkten.

Worin unterscheiden sich die drei Intelligenzen untereinander?

Mit akademischer Intelligenz ist gemeint, dass das Lernen, also Auswendiglernen, Vokabellernen, etc., leicht fällt und dass die Person eine hohe Auffassungsgabe hat. Menschen mit einer praktischen Intelligenz sind die Menschen, die Bedienungsanleitungen zur Seite legen und das neue Gerät einfach ausprobieren. Menschen mit einer emotionalen Intelligenz sind die Menschen, die gut zuhören können und oftmals anderen Hilfestellung geben wollen. Sie sind in der Problemlösung gefragt und zeigen großes Verständnis anderen gegenüber.

Welche Intelligenz tritt am häufigsten auf?

In der kindlichen Entwicklung steht die praktische Intelligenz im Vordergrund. Sie ist bei vielen Menschen die erfolgreichste Intelligenzart. Viele Menschen vergessen, dass die Prägung durch die Schule nicht das ist, was vielleicht bei ihnen an Potenzial vorhanden ist. Ich halte es für wichtig, dass man zwischen der Schule und der zukünftigen Berufsorientierung eine Grenze zieht und erst einmal feststellt „Von welcher Intelligenz habe ich denn am meisten?“ Im Studium wird vor allem die akademische Intelligenz abgefragt. Die praktische und emotionale Intelligenz könnten dabei zu kurz kommen. Ein ausgewogenes Verhältnis zu bekommen ist ein wichtiges Kriterium, das in der Berufswahlorientierung eine Rolle spielen sollte. Es ist schon festzustellen, dass viele auch im Studium Probleme haben, den Stoff zu bewältigen.

Was passiert mit Menschen, die feststellen, dass sie sich falsch entschieden haben? Welche Gefahren gibt es für diejenigen?

Das wirkt sich am meisten auf das Selbstwertgefühl aus. Der Mensch beurteilt sich sehr stark danach, ob er Erfolg hat, oder nicht. Er kann nicht differenzieren, ob vielleicht etwas mit ihm falsch ist oder ob er falsch gewählt hat. Der Mensch neigt dazu, zu sagen, mit ihm würde etwas nicht stimmen. Das drückt sich auf das Selbstwertgefühl aus und der Mensch fühlt sich nicht richtig in seinen Fähigkeiten wiedergegeben.


Das Interview führten Cansu Erdogan, Merryl Lledo, Florian Schütte und  Michael Scharsig, eine Studierendengruppe des JPR-Instituts der Fachhochschule Gelsenkirchen.

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