Beruf oder Berufung – wissenschaftliche Karrieren in Deutschland

Zum Thema „Wissenschaftliche Karrieren“ hat die Hochschulinformationsgesellschaft (HIS) eine Studie veröffentlicht, die zwar hohe Attraktivität aber auch große Probleme aufzeigt. UNIVERSITY JOURNAL hat bei den Hochschulen nachgehakt.

© Uni Göttingen

“Die Deutschen, und sie nicht allein, besitzen die Gabe, die Wissenschaft unzugänglich zu machen”, hieß es noch in Goethes “Wilhelm Meisters Wanderjahre”.

Unzugänglichkeit ist das Problem des deutschen Wissenschaftsbetriebes heute nicht mehr. Viel eher ist der stetige und rege Zulauf mittlerweile zum Problem geworden. In kaum einem Land gibt es so viele Promovierende, wie hierzulande, war im Zuge der Affäre Guttenberg zu erfahren. Wie aber ist es um deren berufliche Laufbahn bestellt? Was erhoffen sie sich? Wo liegen die größten Probleme, mit denen sie tagtäglich zu kämpfen haben?
Eine Karriere im Wissenschaftsbetrieb ist generell eine riskante Sache. Durch gewisse strukturelle Faktoren scheinen es die angehenden Berufswissenschaftler in Deutschland aber besonders schwer zu haben. Nicht nur die schiere Zahl ist ein Problem, auch die wenigen dauerhaften wissenschaftlichen Stellen unterhalb der Professur wirken sich hier negativ aus. So ist es kein Wunder, dass die Wissenschaft nicht der einzige, ja langfristig noch nicht einmal der wichtigste Beschäftigungsbereich für Promovierte ist.

Die Studie der Hochschulinformationsgesellschaft (HIS) hat drei Typen beruflicher Orientierung bei Ihrer Befragung zum Thema “Wissenschaftliche Karrieren” ausgemacht: die akademischen Forscher, die  Ausstiegsorientierten und die anwendungsorientierten Forscher. Im Hinblick auf diese drei Typen wurden dann gewisse Gruppen von Berufs- und Lebenszielen, wie Karriereorientierung, kreatives Arbeiten, berufliche Sicherheit oder Familienorientierung verglichen. Das Ergebnis weist nur geringfügige Unterschiede auf.

Die ausstiegsorientierten Promovierenden, etwa ein Viertel der Befragten, die ihre Zukunft mehr in Tätigkeiten ohne Forschungsbezug sehen, sind geringfügig karriereorientierter; die akademischen Forscher, die an den Hochschulen ihren Platz suchen wollen, legen mehr Wert darauf kreativ zu sein, aber letztlich wirkt sich am stärksten die berufliche Zufriedenheit aus. Wer seine Arbeitsbedingungen, das Arbeitsklima, oder die Förderung durch die Betreuer sowie die Planbarkeit der Karriere positiv sieht, der nimmt einiges in Kauf. Sei es weil man sich so stark mit der eigenen Tätigkeit identifiziert, oder aber weil berufliche Alternativen fehlen.

Genau deshalb gibt es hier auch den größten Handlungsbedarf für die Hochschulen. Eine bessere Förderung durch die Betreuer, die Eröffnung attraktiver beruflicher Positionen an der Hochschule oder die Verlässlichkeit in der Karriereplanung können und müssen angegangen werden, das erkennen mittlerweile auch die meisten Hochschulen. Die Georg-August-Universität Göttingen etwa sieht dringenden Handlungsbedarf in der gegenwärtigen Situation des wissenschaftlichen Mittelbaus. “Daher wird bei der Neubeantragung des Zukunftskonzeptes die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses dort als eines der zentralen Elemente verankert werden”, heißt es in einer Stellungnahme der Universität.

“Unter Berücksichtigung der Fächerkultur und der sich daraus ergebenden unterschiedlichen Bedarfe möchte die Universität Wege aus den befristeten Beschäftigungsverhältnissen finden und dem akademischen Mittelbau an unserer Universität eine verlässliche Karriereperspektive auch unterhalb der Professur bieten.”
Universität Göttingen

© Uni Potsdam

Um dies zu gewährleisten hat die Universität Passau im August 2008 zur Unterstützung von Promovierenden, Ha-bi­litierenden und Juniorprofessoren ein fakultätsübergreifendes Graduiertenzentrum eingerichtet. Dieses versteht sich als ?Plattform für den wissenschaftlichen Austausch und die fakultätsübergreifende Vernetzung der Nachwuchswissenschaftler und ihrer Betreuer?, heißt es.
Doch nicht nur für eine bessere Vernetzung will man sorgen, mit verschiedenen Seminaren, zum Beispiel ?Mediencoaching? oder ?Projektmanagement?, werden Kompetenzen geschult, die auch außerhalb der Wissenschaft gefragt sind. Und das ist ein wichtiger Punkt, denn großen Nachholbedarf sehen die meisten Befragten der Studie bei ebensolchen Kompetenzen, vor allem bei Führungsqualitäten, wie Personalführung, Fremdsprachen- und Wirtschaftskenntnissen, sowie den Präsentationsfähigkeiten. Gerade die Beschäftigten an außeruniversitären Forschungseinrichtungen schätzen sich selbst hier gering qualifiziert ein. Etwas besser sieht es bei denjenigen aus, die an den Universitäten befragt wurden. Andererseits warten diese durch mehr Erfahrungen mit Interdisziplinarität und einem innovationsfreundlicheren Arbeitsklima auf und müssen sich weniger mit Tätigkeiten beschäftigen, die nicht zu ihrem eigentlichen Aufgabengebiet gehören. Auch dies sind Dinge, die sich positiv auswirken, genauso wie starke Teamorientierung, kooperatives Arbeiten und regelmäßiges Feedback als wünschenswert empfunden werden. Es gilt also ? an Universitäten wie auch an anderen Forschungseinrichtungen ? ein anspruchsvolles und trotzdem förderndes Arbeitsumfeld zu schaffen.
Untersucht wurde auch, wie gut sich die Nachwuchswissenschaftler für eine Be-schäftigung in einem anderen Bereich gerüstet fühlen. Vor allem Männer aus den Ingenieurswissenschaften fühlen sich auf ein Arbeitsumfeld jenseits des Wissenschaftsbetriebes gut vorbereitet. Bei den Frauen und bei Natur- und Sozialwissenschaftlern sieht man die Lage deutlich kritischer. Bei den Frauen liegt dies mit Sicherheit an der grundsätzlich skeptischeren Beurteilung der Lage, die die Studie aufzeigt. Die Natur- und Sozialwissenschaftler im Gegensatz dazu plagt der Verdacht, dass ihre konkreten Forschungsgegenstände zu theoretisch für die freie Wirtschaft sind. Gerade ihnen sollten also die Universitäten frühzeitig Kompetenzen vermitteln, die über die jeweiligen Fachgebiete hinausgehen.

?Mit Hilfe von schriftlichen Betreuungsvereinbarungen, die zwischen den Promovierenden und ihren Betreuern abgeschlossen werden können, wird die Promotionsphase zeitlich klar umrissen, indem Meilensteine festgelegt werden. Bestandteil ist auch ein so genannter ?Karriereentwicklungsplan? für die Doktoranden, der individuelle Empfehlungen für eine optimale Berufsvorbereitung gibt.?
Universität Potsdam

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