Nach der Schlacht ist mitten im Krieg

Obacht, hier geht es um Band 2. Die Besprechung zu Band 1 findest du hier.

Nach dem extrem bescheiden gelaufenen Kampf in der Schattenflur schaffen Alina und Mal es gerade so auf die andere Seite der Wahren See geschafft. Doch auch dort sind die Schergen des Zars und des Dunklen aufmerksam und auf der Suche nach ihnen. Fast bekommt der Dunkle sie wieder in seine Hände, doch der Freibeuter Sturmhond macht ihm einen Strich durch die Rechnung und entführt die beiden – um sie fortan für seine Seite kämpfen zu lassen. In all diesem politischen Wirrwarr soll Alina einen Drachen töten und sich einen zweiten Kräftemehrer aneignen, was ein absolutes Unding für Grisha sein sollte. Nebenbei muss die fragile Beziehung zwischen ihr und Mal immer öfter Spannungen aushalten und die magische und politische Macht beginnt, Alina zu verändern. Gleiches zieht Gleiches an – in welcher Bezug zum Dunklen wird sie zukünftig stehen?

Der Leseeindruck

Die Ereignisse überschlagen sich in diesem zweiten Band und die Geschichte behält durchgängig das hohe Tempo bei. Alina selbst treibt die Geschichte anfangs wenig weiter, sondern ist erst einmal den Gezeiten ausgeliefert. Als sie erkennt, dass sie ihnen nicht entkommen kann, trifft sie eine Entscheidung: Sie wird kein Instrument sein, sondern über sich selbst bestimmen. Das ist einer der vielen Faktoren, die die Reihe bisher so toll machen – eine junge Frau im Zentrum der Aufmerksamkeit, die nicht das leidende Mädchen im weißen Kleid mimt, sondern der bösen, trockenen, grauen, unliebsamen Wahrheit ins Auge blickt. … und gerettet werden muss sie nur, weil andere Menschen ihren Willen ignorieren. Was der Geschichte ganz gut tut, denn eine Hauptperson, die immer Recht hat und alles richtig macht, wäre schnell unsympathisch. Auch, dass sie nicht die hübscheste Person im Buch ist, tut nach dem YA-Büchern à la Twilight ganz gut. Diese toxischen Beziehungen findet man hier nicht und das macht die Reihe unbedingt empfehlenswert auch für jüngere Geschwister. Maximal, dass man sich fragt, was hinter der Verbindung zwischen dem Dunklen und Alina steckt, doch das dürfte eher ein magisches denn ein menschliches Problem sein.

Was hier besonders auffällt, ist die Mühe, die die Autorin sich mit potenziellen Logiklücken gibt. Auch, wenn es um kompliziertere theologische Fragen geht, deren Beantwortung wiederrum die Handlungen einiger Personen beeinflussen würde, scheut sie nicht vor Antworten zurück. So mancher Autor wäre hier schwammig oder würde es der Interpretation überlassen. Leigh Bardugo aber klärt genau ab, wer sich warum wie verhält – und wenn nicht, wird es was mit dem noch kommenden Plott in Band 3 zu tun haben.

Religiöser Fanatismus, ererbte Macht, Rivalität, Unwissenheit, erlöschende und entstehende Liebe – die Motive variieren, sind nicht immer ganz durchschaubar und bieten im Vergleich zu anderer Fantasy durchaus auch mal etwas Abwechslung. Ein absolut gelungener Band 2, der dem Mittelteil-Fluch entgeht und ordentlichen Lesestoff bietet!

Eisige Wellen. Leigh Bardugo. Band 2 von 3.
12,99 Euro. Knaur Verlag.

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