Die Kraft der Liebe

Edith Piaf ist für ihre Zeit eine komplizierte Frau: Sie ist in Armut und einer nicht intakten Familie aufgewachsen, kann als erfolgreiche Sängerin aber mit Geld um sich werfen, verkehrt mit anderen Berühmtheiten wie Marlene Dietrich und ist doch gesellschaftlich seltsam unangepasst. Ihre vielen Liebschaften bringen sie immer wieder auf die Cover der Klatschzeitschriften, dabei ist die Hälfte nur angedichtet.

Abergläubisch ist sie, besessen vom Leben, ihren Freundschaften wie der zu Momone zutiefst treu ergeben und nonchalant auch Scharlatanen gegenüber. Bis sie auf den Boxer Marcel Cerdan trifft. So unwahrscheinlich es scheint, so sehr verfallen die beiden einander. Doch Marcel hat eine Familie und Edith führt ein unstetes Leben als Künstlerin, unruhiger Geist, mit viel Alkohol und Ablenkungen. Reicht es denn, wenn man sich liebt, um gemeinsam das restliche Leben nicht mehr allein zu sein?

Der Leseeindruck

Zunächst einmal ist dies keine Biografie oder sachliche Beschreibung: Die Autorin nimmt sich die reale Figur Edith Piaf und strickt aus den bekannten Fakten eine belletristische Erzählung. Das heißt in erster Instanz, dass eine reale Figur interpretiert wird – und das auf super persönliche Weise. Ein wahnsinnig kompliziertes Vorhaben, super ambitioniert. Um es zu meistern, besteht das Buch aus sehr kurzen Kapiteln, die stark zwischen unterschiedlichen Jahren hin und her springen. Inhaltlich sind die Kapitel aber gut aufeinander abgestimmt, das heißt, sie leiten thematisch oftmals sehr gut über, ohne den Lesefluss zu unterbrechen oder das Verständnis zu erschweren.

Mich irritierte es anfangs, von Edith zu lesen, als wären ihre Handlungen eine Art Behauptung. “Sie fühlte x, dachte y, machte z” – woher will man das wissen? Ist es nicht eine Art der Unterstellung, da es sich um eine reale Person handelt und keine Erfindung? Die Suche nach einem Nachwort, das bestimmte Quellen der Recherche offenlegen würde, um irgendeine Art von Authentizität zu unterstreichen, bringt leider ein unbefriedigendes Ergebnis – die Quellen sind andere Bücher über Edith, andere Interpretationen. Das als Nachteil auszulegen, ist eine sehr subjektive Denkweise, bei der jeder selbst entscheiden muss, inwiefern das beim Lesen stören könnte oder wem das gar nichts ausmacht.

Glücklicherweise geht es nicht um das ganze Leben Edith Piafs, sondern im Wesentlichen um ihre Entdeckung als Künstlerin, ihre Karriere und die Zeit der Liebschaft mit Marcel (sonst wäre es ein Endloswerk geworden). Dafür aber, dass es um Liebe geht und deren Absolutheit – zumindest, wenn man “den/die Eine/n” getroffen hat – wirkt das Buch streckenweise eher weniger emotional, rührend oder packend. Bei mir persönlich blieb unter anderem deswegen sowohl die Bindung an die Person und die Geschichte rundherum etwas auf der Strecke.

Genau das ist meines Erachtens das Risiko und die besondere die Schwierigkeit, wenn man einen Hauptcharakter nicht erfindet, sondern dieser real gelebt hat und bekannt ist. Man kann eben nicht zu viel interpretieren oder den Charakter aufbauen, wie man es mit einem künstlichen machen würde / könnte. Aber wie füllt man diese klaffende Lücke? Ich weiß es auch nicht besser.

Außerdem haben wir hier kein übersetztes Buch, sondern tatsächlich eine deutsche Produktion vor uns. Das merkt man meines Erachtens, weil der deutsche Sprachgebrauch viel intuitiver und natürlicher wirkt. Die wenigen französischen Ausdrücke, die eingestreut werden, muss man nicht verstehen, sie dienen eher der verbalen Deko.

.. und das Fazit? Aus sehr subjektiven Gründen sagt dieses Buch einigen Lesern sicherlich nicht zu, daher wird der Blick in die Leseprobe dringend empfohlen.

Mademoiselle Edith. Christine Girard.
12,99 Euro. Droemer Verlag.

Bettina Riedel (academicworld.net)

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