Zwischen den Welten (2)

Der neue Mitchell ist da! Einige Charaktere mögen bekannt vorkommen, doch im Zentrum steht nur eine: Holly Sykes und ihr Kampf gegen den Weltuntergang. Brillantes Kopfkino oder doch ein wenig zu verwirrend, selbst für einen David Mitchell?

Es beginnt mit einem verliebten Teenager: Holly, die nach einem Krach mit der Mutter zu ihrem Freund ausreißt und feststellen muss, dass der sich ihre beste Freundin geschnappt hat. Zurück zu Mutti? Ist nicht. Und hier geht ihre abenteuerliche Reise los, die sie alsbald zu einem mysteriösen Kampf bringt – den sie bald vergisst. Wie auch ihren Ärger mit der lieben Familie, denn sie kehrt zurück, während ihr kleiner Bruder vermisst wird. Im nächsten Kapitel hat sie die Teenagerzeit schon weit hinter sich gelassen, denn statt im Jahr 1984 befinden wir uns im Jahr 1991. Wir folgen einem zunächst unbekannten Studenten, der in ich-Form erzählt und von ähnlichen mysteriösen Umständen geplagt wird: Er trifft in einer Kirche auf eine Frau, will sie gerade ansprechen und von einer Sekunde auf die nächste sind plötzlich mehrere Stunden vergangen. Was ist hier los? Das weiß Hugo Lamb, unser Student, leider auch nicht. Und was hat das mit den Knochenuhren zu tun?

Mitdenken ein Muss

Das Buch ist äußerlich simpel in fünf Abschnitte gegliedert, die bestimmten Phasen in Hollys Leben entsprechen. In sich ist es aber sehr komplex. Wer eine einfache Lektüre sucht, mag hier wirklich falsch sein. Leicht und flockig liest es sich trotzdem – das ist bei der Seitenzahl auch ganz gut so, denn die knackt die 800er Marke. In den einzelnen Kapiteln wird prinzipiell das Leben der Holly erzählt, wenngleich nicht durchgehend aus ihrer eigenen Perspektive. Zwischendrin gibt immer wieder diese fantastischen Andeutungen, wie man sie selbst aus seinen Leben kennt. Da kommt beispielsweise der kleine Bruder ganz am Anfang auf Holly zu und steckt ihr ein Labyrinth zu, unterstreicht dessen Bedeutung – warum?! – und am Ende kommt genau diese Szene in all ihrer Wichtigkeit zum Tragen. Es gibt einige seltsame Begegnungen, Ereignisse dramatischen Ausmaßes – und geradezu übersinnliche Verwicklungen – wie Kämpfe, die scheinbar nur in ihrem Kopf stattfinden, Seelenwanderer, Horologen und Anachoreten. Der potenzielle Leser darf eines also schon mal nicht aus den Augen verlieren: Hier kommen ganz starke Fantasyelemente zum Tragen. In eine bestimmte Literatur-Schublade lässt sich „Die Knochenuhren“ also schon mal nicht stecken.

Die Mischung macht’s?

Der Autor kritisiert die Gesellschaft, setzt dazu seine Figuren realistisch ein, thematisiert unter anderem für die Auswirkungen der katholischen Kirche in der Gesellschaft. Dem Umgang mit Menschen, die ‚geistig nicht auf der Höhe sind‘ nimmt er das Heft aus der Hand und sagt ‚so nicht, Freunde.‘ Er nimmt sich die Zeit und zerlegt die Definition von ‚normal‘ in ein kunterbuntes Wirrwarr, bei dem an Ende irgendwie herauskommen könnte, dass wir selbst an unserem Schicksal beteiligen müssen. Dass wir Einzelschicksale in einer Umwelt sind, für immer Teil davon aber eben doch auch alleingestellt. Für manche mag das deprimierend klingen, aber vielleicht ist es eher eine der kleinen Wahrheiten im Leben. Auch wenn er über die wichtigen Dinge im Leben schreibt und am Ende selbstverständlich auf das Ende der Welt zu sprechen kommt, so macht er das nicht umständlich. Manchmal haut er wenig geschliffene, geradezu ‚grobe‘ Sprüche raus als wäre er ein Kutscher: „Wenn ein Mann oft genug in dir drin war, dauert’s wahrscheinlich eine Weile, bis du ihn wieder los bist.“ (S. 57) Das kommt unerwartet und bereitet diebische Freude, wenn so eine Perle denn mal auftaucht. Damit spannt der Autor natürlich auch eine Brücke zu einer greifbaren, weil vorstellbaren Hauptperson. Die lässt er leider immer wieder mal fallen und nimmt mit anderen Hauptpersonen eine vollkommen neue Perspektive ein. Wer mit Sprüngen dieser Art nicht zurecht kommt, sollte die Finger von den Knochenuhren lassen.

Fazit: Das Buch ist in sich sehr ungewöhnlich, weil sehr viele Elemente gemischt werden. Eine Art Biographie, Fantasy-Geschichte, Gesellschaftskritik und Sherlock-ähnlicher-Krimi. Wer sich von einem Buch mal wieder richtig überraschen lassen will und offen für unkonventionelle Entwicklungen, ist hier richtig.

Bettina Riedel (academicworld.net)

David Mitchell. Die Knochenuhren.
Rowohlt. 24,95 Euro.

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