wölfisch und erhaben

Im Ungarn des 15. Jahrhunderts kämpfen Sultane, Könige, Christen, Muslime und Werwölfe um ihren Platz in der Welt: Mittendrin Ildiko und Janko, zwei geborene Werwölfe. Das macht sie zu etwas ganz Besonderem und stellt sie in den Fokus einer klar scheinenden Prophezeiung – die keiner von beiden zu erfüllen gedenkt.

In Band 1 (Hier der Link zu unserer Rezension.) kämpften Veronika und Gabor gegen das Schicksal, Prophezeiungen, gesellschaftliche Zwänge. Am Ende siegte ihre Liebe, doch das war keinesfalls das Ende ihrer Geschichte. 18 Jahre später stehen ihre Kinder im Zentrum des Werwolfsepos: Ildiko ist die unerwartete, ungewollte und unglückliche Zwillingsschwester von Janko. Der soll wiederrum der Auserwählte sein, der die Welt vor der Verdammnis rettet. Im Gegensatz zu seiner wilden Schwester steckt Janko seine Nase lieber in Bücher.

Dafür bleibt ihm keine Zeit mehr, als er zusammen mit seiner Mutter entführt wird. Von wem? Weiß keiner. Nur Ildiko fühlt ihn, spürt seine Lebensenergie. Zusammen mit einigen Roma, die ihrer Werwolffamilie seit Jahren in Freundschaft dienen bricht sie auf, um ihren Vater zu benachrichtigen. Die Dinge überschlagen sich und Ildiko bleibt nichts von ihrem einstigen Rudel. Allein muss sie ihren Bruder finden und gegen eine übermächtige dritte Partei kämpfen, die weder auf ihrer noch auf der Seite des Wolfsbundes zu stehen scheint …

Die Kritik

Auf den ersten Seiten befürchtet der Leser, dass der zaghaft begonnene “Werwolfsfeminismus” hier ins Gegenteil umschlägt: Dem ist nicht so! Durchhalten lohnt sich, denn Ildiko ist nicht “die dunkle”-Nebendarstellerin und Janko als Kronprinz nicht automatisch der heldenhafte Lichtbringer. Wie schnell man vom Glauben abfallen kann, zeigt der Junge auch im Laufe des Buches – “gut” und “böse” sind eben meistens doch Ansichtssache. Und dass Prophezeiungen so weitläufig zu interpretieren sind wie heutige Arbeitszeugnisse, ist auch ein zentraler Bestandteil von “Zwillingsmond”.

Es gibt also wieder ordentlich Zerwürfnisse und Überraschungen, die die Spannung auf einem hohen Level hält. Nicht zu vergessen, dass “Zwillingsmond” halbwegs in einen Krimi ausartet, so stark sind die Verflechtungen aller Mitspieler untereinander. Dass wir bisher nicht alle Beteiligten kennen, erfährt der Leser spätestens, als einige Älteste ermordet werden. Das hat nichts mit Gabor und seiner Familie zu tun, mit dem Wolfsbund aber auch nicht. Wer bleibt? Eigentlich niemand, denn die Menschen wissen nichts. Und die, die etwas wissen, spielen auf einem ganz anderen Level als die Werwölfe.

Die historischen Faktrn hat dir Autorin live und in Farbe vor Ort recherchiert. Sie lässt sie nicht nur an absolut passenden Momenten einfließen, sondern spielt natürlich auch ein wenig mit dem Wahrheitsgehalt. Das ist optimal, denn weder wirken diese Passagen künstlich und belehrend, noch stolpert man beim Lesen darüber. 

Insgesamt: Chapeau! Eine Fortsetzung, die Band 1 übertrumpft, ohne künstliches Trara fabrizieren zu müssen. Empfehlung!

Bettina Riedel (academicworld.net)

Christiane Spies. Zwillingsmond.
14,99 Euro. Knaur.

Share.