Wilkie Collins: Intrigen und Gefahren um „Die Frau in Weiß“

Ein Klassiker der Kriminalliteratur ist Wilkie Collins’ „Die Frau in Weiß“. Mit Intuition und Verstand versucht der junge Zeichenlehrer Walter Hartright die Rätsel um Laura, die Frau die er liebt zu lösen.

Als der junge Zeichenlehrer Walter Hartright sich in seine hübsche Schülerin Laura Fairlie verliebt, weiß er, dass diese unstandesgemäße Liebe keine Zukunft haben kann. Was er nicht ahnt, ist, in welche Intrigen und Gefahren die Frau, die er liebt, geraten wird und mit was für einem ausgefeilten Plan ihre Gegner vorgehen werden. Als sich die Ereignisse überschlagen, bleiben für Hartright viele Fragen offen. Wer ist die Frau in Weiß, die Laura so verblüffend ähnlich sieht und sie verzweifelt zu verfolgen scheint? Was für Geheimnisse verbirgt Lauras Verlobter, Sir Percival Glyde? Und welche Rolle spielt sein undurchschaubarer Freund, der Italiener Conte Fosco? Hartright ist bereit, mit Hilfe von Marian Halcomb, der klugen und ebenso mutigen Halbschwester Lauras, alles zu riskieren, um sämtliche Rätsel, die sich um Lauras Schicksal ranken, zu lösen.

Immer ganz nah an den Protagonisten
Wilkie Colllins gilt als der Vater des “Mystery Novel”, seine “Frau in Weiß” als Vorläufer der klassischen Detektivgeschichten, auch wenn sein Protagonist Hartright kein professioneller Ermittler mit langjähriger Erfahrung ist, sondern allein seinen Gefühlen und seinem Verstand folgt. Wie auch in anderen seiner Romane lässt Collins in der “Frau in Weiß” die Geschichte durch Berichte und Tagebucheinträge von Augenzeugen erzählen, deren Direktheit dem Leser das Gefühl vermittelt, an einer wahren Begebenheit und nicht nur an einer Fiktion teilzuhaben. Dabei gelingt es ihm, jedem einzelnen Berichterstatter seine eigene Stimme zu geben, die so unverwechselbar ist, dass der Leser, auch ohne Überschrift, nach wenigen Zeilen wüsste, mit wem er es gerade zu tun hat.

Collins ist ohne Frage ein Meister des Erzählens. Er versteht sich darauf, Menschen und Landschaften vor dem inneren Auge entstehen zu lassen, als wären sie einem schon lange bekannt, und Stimmungen zu erschaffen, die beinahe zu eigenen Erinnerungen werden. Scheinbar mühelos füllt er 650 Seiten, ohne dass dem Leser eine Gelegenheit gegeben wird, sich der Spannung und der Nähe zu den Protagonisten zu entziehen. Immer wieder meint man, nun die Lösungen sämtlicher Rätsel zu kennen, nur um unvermittelt in eine neue Enthüllung gezogen zu werden, die einen dazu veranlasst, die Augen weit aufzureißen, und “Oh!” zu flüstern. Und das Verblüffendste: Er schafft all das ohne die alptraumhaften Gewaltszenarien, die für die meisten Kriminalautoren heute unverzichtbar zu sein scheinen.

Echte Spannung statt schierer Gewaltexplosion
“Die Frau in Weiß” ist nicht nur ein Krimi, sie ist auch eine Geschichte über Liebe und freundschaftliche Treue, über moralische Werte und nicht zuletzt eine kleine Studie der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts. Und auch jenen, die meinen, zu einem Krimi gehöre mindestens ein blutiger Mord, und Spannung wäre nur mit Gewalt, Horror und entfesselten Psychopathen zu erzielen, sei Wilkie Collins wärmstens ans Herz gelegt. Er wird den Zweifler eines Besseren belehren.

655 Seiten

Deutscher Taschenbuch Verlag (Neuausgabe 2010)

9,90 Euro

Stand Februar 2011
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